Ein eigentümliches Lächeln glitt einen Augenblick schattenhaft über das Antlitz der blonden Frau. »Vielleicht!« antwortete sie leise und wandte sich dann sofort ihrer Nachbarin zu, die sie bat, ihr ein wenig Wasser ins Weinglas zu gießen.
»Das ist eine ganz heilsame Maßregel für Ihre Patienten, Herr Doktor!« bemerkte der alte Herr aus Westpreußen behaglich, erhielt aber ein abweisendes: »Ich praktiziere nicht!« als Antwort, so daß er ganz betroffen verstummte.
Es war gar nicht herauszubringen, was Doktor Schott eigentlich betrieb. Die übrigen Herren sprachen unbefangen von ihrem Beruf, dessen Licht- und Schattenseiten … er allein beobachtete Schweigen. Wofür hatte er den Doktortitel erworben? »Arzt ist mein Herr auch!« hatte das Kindermädchen gesagt – was sollte das bedeuten? Daß er sich auf seine medizinischen Kenntnisse viel zugut that, wußten alle, es war oft im Lauf des Gespräches hervorgetreten – an der Universität war er gleichfalls nicht, er hatte eine dahinzielende Frage mit einem kurzen »Nein!« beantwortet … was also trieb er? Was that er?
Es war gegen Abend desselben Tages. Ein starkes Gewitter hatte sich am frühen Nachmittag entladen, jetzt aber war die Luft prächtig gekühlt, ein lauer Rosenduft schwamm durch die klaren Lüfte, silberweiß umrissen zeichneten sich die Schneehäupter der höchsten Berge vom reinen Himmelsblau ab, und die schrägen Sonnenstrahlen umspannen die stolzen Gebirgsriesen mit einer flimmernden Glorie. Wie ein leuchtendes Netz zogen sich tausende von blitzenden Regenperlen über die weiten Grasflächen, und wenn die Sonne darauf hinspielte, zuckte es buntfunkelnd wie Diamantenpracht drüber weg.
»Schau, bitte, Mutterle, schau her, wie das goldig schön ist!« bat ein helles Kinderstimmchen draußen, und Fräulein Charlotte Hartwig öffnete leise das Fenster in ihrem Zimmer, bog sich hinter der Gardine hervor und spähte hinaus.
Das Kind, in seinem weißen kurzen Röckchen wie ein großer Schmetterling anzusehen, stand unten auf dem hellen Kiesweg und deutete mit den Händchen nach der flimmernden Pracht der tropfenübersäeten, sonnenbeschienenen Grasfläche. Wenige Schritte entfernt, dicht unter Fräulein Hartwigs Fenster, so daß diese sie deutlich sehen konnte, lehnte die junge Frau in einem weit zurückgehenden Sessel, die Hände mit einer weißen Stickerei lässig im Schoß, das Köpfchen aufwärts gewendet. Offenbar hatte sie es gar nicht gehört, daß die Kleine sie anrief. Sie hatte geweint. Noch hingen schwere Tropfen an den dichten dunkeln Wimpern, die sich so schön von dem Blondhaar abhoben, um die süßen Lippen bebte es, und schwere Atemzüge hoben die Brust. Die dunkelumschatteten Augen sahen mit einem ergreifenden Ausdruck schmerzlicher Sehnsucht nach oben. Dort badeten die Berge ihre Häupter in flammendem Abendrot, es troff wie fließendes Gold von den Schneekanten, drüber stand der Himmel wie in hellem Feuer … ein glorreich schöner Sonnenuntergang, der den Tag wie triumphierend abschloß. Und dazu die schöne Frau mit der tiefen, tiefen Trauer im Gesicht, mit den schweren Thränen an den Wimpern – diesen Thränen, die sich jetzt eben loslösten und auf die ineinandergelegten Hände herabfielen.
Fräulein Hartwig zog sich leise vom Fenster zurück. Sie nickte vor sich hin, wie jemand, der eine gehabte Ahnung bestätigt findet.
»Schaust du denn nimmer all' die schönen bunten Perlen an, Mutterle, und da ganz hoch droben das viele Gold?« fragte wieder das helle Kinderstimmchen unten.
»Ja, Erna, ja, Mama sieht alles, und es ist wunderschön!« antwortete die junge Frau in gepreßtem Ton, als schnürte ihr ein Leid das Herz zusammen.