So endete Fräulein Rosa Hesses Versuch, in die untere Schicht der menschlichen Bevölkerung einzudringen.

»Es ist offenbar, die Leute isolieren sich absichtlich!« äußerte sie zwei Tage später gegen die beiden jungen Dresdenerinnen. »Diese endlosen Promenaden – diese großen Bergbesteigungen! Und bei Tisch so ganz miteinander beschäftigt, so total unzugänglich für alle anderen. Es muß ein ideales Glück sein, das sie so vollständig hinnimmt, ein Zustand völligen Ineinanderaufgehens – genau, wie es in dem Gedicht heißt: Vom ersten Kuß bis in den Tod sich nur von Liebe sagen! – Reich, schön, gesund, sich gegenseitig anbetend … beneidenswert! Die Glücklichen!«

»Ach Gott, ja!« seufzte Fräulein Helene noch. »Die Glücklichen.«

Fortan trug das junge Ehepaar diese Bezeichnung. Selbst der schwerhörige Onkel und das alte Ehepaar aus Westpreußen gewöhnten sich daran, die beiden so zu nennen.

»Sind die Glücklichen schon zurückgekommen?« »Haben Sie die Glücklichen heute bereits gesehen?« »Die Glücklichen wollen morgen früh nach der Klamm gehen!« So ging es in dem kleinen Kreise von Mund zu Mund – nur die alte Dame aus Stettin machte eine Ausnahme. Als ihr eine der jungen Mädchen kurzweg von »den Glücklichen« sprach, sah sie sie mit ihren klugen Augen an und sagte: »Sie meinen Doktor Schott und seine Frau? Ja, denen sind viele Bedingungen zu dem, was man im Leben Glück zu nennen gewöhnt ist, gegeben!«

Fräulein Charlotte Hartwig – so hieß das ältliche Fräulein – wohnte in einem Seitenflügel der Villa Klingen, nur durch einen schmalen Korridor von den Zimmern »der Glücklichen« getrennt. Man kam wenig miteinander in Berührung. Eine zufällige Begegnung – ein höflicher Gruß, hier wie dort – eine gelegentliche Bemerkung über das herrliche Wetter, über diesen oder jenen Ausflug, den man unternommen – das blieben die einzigen Beziehungen der neuen Nachbarschaft. Fräulein Hartwig sah das Ehepaar mit Interesse an, sie fand beide schön und anziehend – sich aber darum an sie heranzudrängen, das fiel ihr nicht ein.

Bei Tisch war der Doktor nicht so schweigsam, wie seine schöne Frau. Er thaute allmählich auf, es ergab sich, daß er weite Reisen gemacht hatte und in anschaulicher Weise darüber zu reden wußte. Zuweilen hielt er einen förmlichen Vortrag, dem die ganze Tischgesellschaft voll Andacht lauschte – er nahm jede Unterbrechung auch sichtlich sehr übel auf, und hatte eine Art, Einwürfe, die ihm hier und da gemacht wurden, zurückzuweisen, die, bei aller Verbindlichkeit, etwas mitleidig herablassendes hatte, als habe er Kinder vor sich, denen man ein eigenes Urteil nicht zutrauen dürfe, die man eben reden lasse, um sie nicht zu kränken.

Für seine schöne Frau war er voll Aufmerksamkeit. Nie vergaß er, für sie zu sorgen, ihr das schönste Obst auszusuchen, ihr Weinglas zu füllen, sorgsam Thür oder Fenster zu schließen, damit ihr kein Luftzug nahe käme. Es war ein italienischer Händler mit hübschen alten Schmucksachen im Renaissancestil am Ort erschienen, die Damen hatten insgesamt die reizenden Sachen bewundert – Doktor Schott kaufte, ohne zu feilschen, den schönsten und teuersten Schmuck, den der Italiener besaß, für seine Frau, und diese erschien am folgenden Tage damit. Sie trug immer weiße Kleider von klarem oder dichtem Stoff und eine schwarzseidene breite Schärpe um die schlanke Taille geknüpft; es sah aus wie Halbtrauer. Sehr häufig fand sie neben ihrem Teller einen kleinen Strauß der schönsten, auserlesensten Rosen, den der zärtliche Gatte für sie bestimmt hatte. Er selbst befestigte dann diese Blumen in ihrem Gürtel – fast schien es, als sei es ihr nicht lieb, das schlichte schwarz und weiß ihrer Toilette mit Farben zu beleben.

Die Dichterin Rosa Hesse schwärmte für Doktor Schott. In ihren Augen war er das Ideal eines Mannes – schön und stolz und klug – und sein ausgeprägtes Selbstbewußtsein gehörte zu ihm, es kleidete ihn gut. Er mußte so sein, fand sie – wenn ein Mann das Recht besaß, Selbstgefühl zur Schau zu tragen, dann war er es! Glückselig die Frau, die ihn sich errungen hatte, die die Wonne genoß, von ihm geliebt, beschützt und verwöhnt zu werden! Ob sie sich dieses Glückes in seinem vollen Umfang bewußt war – ob sie es ganz zu schätzen wußte, das erschien Fräulein Hesse leider zweifelhaft. Ein solcher Mann mußte, nach ihrem Dafürhalten, von seiner Gattin bedingungslos auf den Knieen angebetet werden … aber ob Frau Doktor Schott dies that? – Dem Anschein nach that sie es nicht, allein dies konnte nur weibliche Zurückhaltung, zarte Scheu sein! Fräulein Hesse indessen meinte, tiefer zu blicken: es wollte sie bedünken, als ob diese Frau diesen Mann nicht ganz verstand! – Sie war ein reizendes Geschöpf, das stand fest, das hatte wohl auch Doktor Schott, bei seinem ausgeprägten Kunst- und Schönheitssinn, bewogen, sie sich zur Lebensgefährtin zu wählen … allein, ob ihr Geist ihm genügte, ob ihre Seele der seinigen einigermaßen ebenbürtig war – das erschien der feinen Beobachterin mehr als zweifelhaft. Um den interessanten Mann in etwas zu entschädigen, gab Fräulein Hesse sein dankbarstes Publikum ab, sie lauschte seinen Worten, wie einem Orakel, sie saß mit vorgeneigtem Haupt und leuchtenden Augen da, wenn er sprach, bemüht, auch nicht einen Laut, der von seinen Lippen fiel, zu verlieren – sie rief entrüstet: »St!« oder »Bitte, bitte!« sobald jemand aus der Tischgesellschaft auch nur mit einem halblaut gesprochenen Wort den Redefluß des Doktors unterbrach – und sie erlebte die Genugthuung, daß der Gegenstand dieses unermüdlichen Kultus nicht unempfindlich dagegen blieb, sondern meistens das Wort an sie richtete, wodurch ihre schwärmerische Verehrung noch beträchtlich gesteigert wurde.

»Die Glücklichen« machten erstaunlich zahlreiche und weite Ausflüge. Oft sah man sie schon beim frühen Morgen das Haus verlassen, den Doktor im praktischen Touristenanzug, die junge Frau in der kleidsamen südbayrischen Landestracht, so reizend lieblich und fremdartig darin anzusehen, daß die im Pensionat Klinger anwesenden Herren jedesmal eifrig aus Thür und Fenstern sahen, um früh am Tage schon ihre Augenweide zu genießen. Häufig wurde es Abend, die Dunkelheit brach herein, bis die beiden zurückkehrten, der Mann stattlich und elastisch wie am Morgen, seine junge Frau blaß und müde, sichtlich von den Strapazen einer solchen Bergwanderung angegriffen. Das hinderte das Paar indessen nicht, schon am folgenden Tage um sechs Uhr wieder auf- und davonzugehen und oft in einer einzigen Tour einen Weg zu machen, den andere in mehrfachen Absätzen zurückzulegen pflegten. »Ich kenne keine Ermüdung!« erwiderte Doktor Schott eines Mittags – es drohte stark mit Regen – auf Fräulein Hesses feurige Bewunderung seiner »phänomenalen Kraft« – und als jemand aus der Gesellschaft sich erlaubte, zu fragen: »Und Ihre Frau Gemahlin? Kennt auch sie keine Müdigkeit?« erfolgte mit souveränem Lächeln die Antwort: »Das ist leider noch zuweilen der Fall, muß aber überwunden werden. Ein normal gesunder Mensch hat über solche Schwäche Herr zu werden, und ich bin überzeugt, es wird hier mit der Zeit gelingen. Nicht wahr, liebe Melitta?«