3.
Es vergingen ein paar Tage. Sie brachten köstliches, sommerwarmes Wetter und eine ganze Reihe von Ausflügen, die das Ehepaar Schott mit den Fremden unternahm. Rothes waren noch nie hier gewesen, sie wünschten in einem gedrängten Auszug alles schönste und sehenswerteste, was um den reizenden Gebirgsort herumlag, kennen zu lernen, und Doktor Schott machte den Cicerone. »Die Leute haben ein Glück, einen Treffer – es ist zum Beneiden!« äußerte Fräulein Hesse mehr als einmal. »Einen besseren Führer als unseren Doktor kann es überhaupt nicht geben – es muß ein idealer Hochgenuß sein, mit ihm Gebirgstouren zu machen. Wenn er mich nur ein einziges Mal dazu auffordern wollte – mit Wonne ging ich mit ihm!« –
Es war richtig, Doktor Schott kannte die Gegend genau, er wußte die hübschesten Wege, die großartigsten Aussichtspunkte zu finden – aber er wanderte so energisch und so ohne jede Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit seiner Mitmenschen darauf los, daß Rothes Schwiegereltern schon nach zwei Tagen dem »idealen Hochgenuß« entsagten, von ihm geführt zu werden. Sie erklärten, sie wären ältere Leute, die solche Parforcetouren nicht mehr leisten könnten, und wenn es keine Maultiere oder Sänften gäbe, um auf die gepriesenen Berggipfel hinaufzukommen, dann müßten sie ergebenst danken, und sie rieten ihren Kindern unter vier Augen an, das gleiche zu thun, denn mit dem Doktor mitzulaufen, das sei ein Ding der Unmöglichkeit, man könne mindestens eine Lungenentzündung davon haben!
Diese Mahnung zu befolgen, ging aber dem gutmütigen Landrat, der sich dem festen Willen seines Freundes gänzlich untergeordnet hatte, gegen den Strich. Er beschwichtigte seine, gleichfalls zur Opposition geneigte kleine Frau, rieb sich allabendlich die schmerzenden Kniee und Füße mit allerlei Salben und Wässern ein und that früh morgens tapferer, als ihm eigentlich zu Mute war, denn er war ein bequemer Herr, und Strapazen waren ihm sonst ein Greuel. Aber, lieber Himmel, Schott meinte es wirklich so gut und opferte sich auf für sie alle – man konnte ihn doch zum Dank dafür nicht vor den Kopf stoßen und sich obendrein noch von ihm auslachen und verspotten lassen! Und wenn diese zarte, schöne Frau solche Anstrengungen aushalten könne – zum Teufel, dann müßte man das doch auch fertig bringen! – Der Bruder Leutnant sagte kein Wort, der stand jeden Morgen pünktlich um fünf Uhr im tadellosen Kostüm des Salontirolers, den gewaltigen Alpenstock in der Hand, bereit und bewunderte pflichtschuldigst mit Ausrufen, wie: »Erhaben – in der That!« oder: »Einfach großartig!« alles, was ihm gezeigt wurde, obgleich der Sinn für Naturschönheiten nur schwach bei ihm entwickelt war – seine Begabung lag nach einer anderen Seite! Er hatte sich mit dem ersten Blick in Melitta Schott verliebt, er wäre, um in ihrer Gesellschaft sein zu können, blindlings auf den Chimborasso geklettert, wenn selbiger gerade in der Nähe gewesen wäre. Die schöne Blondine munterte ihn zwar mit keinem Wort, mit keinem Blick auf, aber der Leutnant war jetzt gerade so lyrisch und anspruchslos gestimmt und begnügte sich mit ihrer gelassenen Freundlichkeit … er hatte sehr verschiedene Stimmungen in seinem abwechslungsreichen Dasein zu verzeichnen.
Charlotte Hartwig sah jetzt wenig von ihrer jungen Freundin, nur des Abends traf man dann und wann, jedesmal im größeren Kreise, zusammen. Es bestand aber ein stilles Einverständnis zwischen den beiden Damen seit jenem eingehenden Gespräch am Sonntagmorgen. Sie nickten einander stets besonders freundlich zu, tauschten oft Blick und Lächeln, plauderten zusammen, und wenn es nur ein paar Minuten waren, und es focht das alte Fräulein nicht das mindeste an, als sie bemerken mußte, daß Doktor Schott den herzlichen Verkehr seiner Gattin mit ihr offenbar mißbilligte und denselben, sobald es nur irgend thunlich war, unterbrach oder verhinderte. Ihm schienen die klugen, stillen Augen der alten Dame unangenehm zu sein, er fixierte sie ein paarmal von seiner stattlichen Höhe herab mit einem hochmütigen Staunen, als wollte er sie fragen, was sie eigentlich von ihm wünsche – ein Benehmen, das Charlotte keinen Augenblick aus der Fassung brachte. Sie beachtete den imposanten Doktor gar nicht und freute sich nur immer, ihren Liebling zu sehen, den sie von einem Tage zum anderen mit heimlicher Sorge musterte: das süße Gesichtchen sah so blaß und müde aus, und die dunklen Schatten um die Augen vertieften sich – wie konnte denn auch dieser Mann das zarte Geschöpf so rastlos und rücksichtslos abhetzen, sie von einer Gebirgspartie zur anderen jagen, da er doch sehen mußte, daß es sie ersichtlich angriff? Charlottens nervöses Kopfweh hatte nachgelassen, aber in ihrem Gemüt konnte sie nicht zur Ruhe kommen – ihr Walter schrieb auch so kurze Briefchen, herzlich zwar, und immer mit der Mahnung, sie solle sich recht pflegen und um Gottes willen nicht mit dem Gelde sparen – aber von ihm selbst, von seinem Leben stand bitter wenig in den knappen Postkarten zu lesen, und die zärtliche Schwester, das wußte er recht gut, interessierte sich doch für alles, was ihn anging!
Ein herrlicher Vormittag! Die Touristen waren in aller Frühe aufgebrochen, sie hatten heute eine sehr ermüdende Gletscherpartie vor sich und wollten zur Nacht gar nicht heimkehren. Fräulein Charlotte freute sich des köstlichen Wetters und eines vorzüglich geschriebenen Buches, das sie im Garten las: Michelangelos Leben von Herman Grimm, eine anregende, höchst fesselnde Lektüre, in die sich die Dame mit der ihr eigenen »Andacht« vertiefte.
Ein Stückchen von ihr entfernt, gerade unter einem spätblühenden Rosenstrauch, saß Erna mit ihrer Puppe im Arm, von Friederike beaufsichtigt. Das Kind, in dessen Nähe Charlotte sonst schwer zum Lesen kam, weil es die Tante beständig etwas zu fragen hatte, saß heute still da, es plauderte und lachte auch nicht mit seiner Puppe, und der kleine Wagen, den es sonst nicht müde wurde, mit Sand und Steinchen zu füllen, stand leer im Wege.
Fräulein Hartwig sah gerade zufällig von ihrer Lektüre auf, als die Hauswirtin eilig bei der Kleinen vorüberkam, ihr mit einem freundlichen Scherzwort eine schöne, saftige Birne in den Schoß warf und dann rasch weiterging.
Erna hatte nur ein wenig das Köpfchen gehoben, ein leises: »Danke« gesagt und hielt jetzt die verlockende Frucht in der Hand, ohne hineinzubeißen, ohne sie auch nur weiter anzusehen.
Augenblicklich legte Charlotte das Buch hin und war mit wenigen Schritten neben dem Kinde.