Langsam stand sie endlich auf und stieg abwärts. Sie hatte beschlossen, sonntägliche Toilette zu machen und sich ihr Frühstück im Speisesaal an einem Seitentischchen servieren zu lassen; es war doch kein Unrecht, wenn sie ihre Beobachtungen zu machen wünschte – die reizende Frau, die so viel von Walter hören gewollt, hatte sich ihr förmlich ins Herz gestohlen.

Als Fräulein Charlotte eine knappe halbe Stunde später den Speisesaal betrat, waren die Fremden angekommen: Doktor Schotts Freund, Landrat Rothe, ein kleiner, runder, beweglicher Herr, ein wenig kahl bereits, ein vergnügliches, blondbärtiges Gesicht mit lustig zwinkernden Augen – die Gattin hatte ein unbedeutendes Allerweltsgesicht, und ihre Eltern waren zwei behäbige, spießbürgerliche Provinzler, brav und bieder ohne Zweifel, aber ohne eine Spur von Interesse zu erregen. Rothe der jüngere war entschieden die repräsentabelste Figur von allen: fast so groß wie Doktor Schott – stramme Haltung, der man den Militär augenblicklich ansah, ein gescheites, etwas spöttisch dreinblickendes Augenpaar, Hände und Bart sorgfältig gepflegt. Der Frühschoppen schien auf Leutnant Rothe nicht ohne Einfluß geblieben zu sein, ebensowenig auf Doktor Schott, dessen Stirn gerötet war und in dessen Augen ein eigenes Flackern glimmte – oder kam es Fräulein Hartwig nur so vor? – Ihr geräuschloses Eintreten wurde von niemand beachtet, alle standen in lebhaftem Gespräch bei einander. Resi hatte den Tisch aufs einladendste gedeckt und schleppte jetzt eben ein umfangreiches Tablett mit Flaschen und Gläsern heran.

»Ich habe sie an strenge Pünktlichkeit gewöhnt!« hörte Charlotte, die sich still im Rücken der Gesellschaft niedersetzte, den Doktor in seinem gewohnten diktatorischen Ton sagen. »Und ich bin überzeugt – ah, hier ist sie schon! Du gestattest, liebe Melitta: Herr und Frau Landrat Rothe, Herr und Frau Kommerzienrat Brandt, Herr Leutnant Rothe!«

Der alte Herr stutzte sichtlich, der Landrat setzte sich den Zwicker mit offenkundiger Bewunderung über den zwinkernden Äuglein fest, der Offizier nahm die Hacken zusammen und stellte sich stramm in Positur – Frau Melittas Erscheinung hatte Erfolg.

Aber sie verdiente ihn auch! In dem langschleppenden schwarzen Gewande, dessen Spitzenärmel und herzförmiger Ausschnitt den prachtvoll geformten Hals, die weißen Arme zum Teil frei ließen, leuchtete ihre blonde Schönheit so zart, zu gleicher Zeit so wirkungsvoll hervor, wie ein lichtes Kleinod in dunkler Fassung. Nur ein paar weiße Rosen hatte sie seitwärts am Kleide befestigt – sie war so einfach, und in dieser Einfachheit so einzig schön!

»Ich bin hoch erfreut, meine verehrte gnädige Frau – in der That hoch erfreut!« versicherte der Landrat im glaubwürdigsten Ton, um gleich darauf seinem Freund, dem Doktor, ein humoristisches: »Du Mordskerl du!« zuzuraunen.

Die Stimmung ging in hohen Wogen. Erna mußte ihren Knicks machen, wurde von den Damen nach Gebühr laut bewundert und reizend gefunden, von den Herren mit Kuchen beschenkt und endlich fortgeschickt. Das Gespräch war sehr heiter, der Leutnant sprach beinahe unausgesetzt und verwandte kein Auge von seiner schönen Nachbarin. Der Wein wurde nicht geschont, Resis Flaschen wurden schnell leer.

Als nach einer guten Weile die Gesellschaft zum Aufbruch rüstete und ein neues Beisammensein verabredet wurde, neigte sich Doktor Schott zu seiner Frau herab, um allem Anschein nach flüsternd mit ihr Rat zu halten. Niemand als Fräulein Charlotte auf ihrem unbeachteten Seitenplatz konnte den heißen verzehrenden Blick sehen, den er auf die schlanke Gestalt, das süße Gesicht richtete. Seine Augen loderten in einem wilden Feuer, während seine Hand sich so fest um die Taille der jungen Frau legte, daß die weißen Rosen unter seinem Griff auf einmal entblätterten. – Und da sah die stille Beobachterin, wie das Gesicht, das eben noch so freundlich gelächelt hatte, blaß wurde bis in die Lippen hinein, wie es die schöne Gestalt gleich einem Schauer überlief und ein Ausdruck mühsam unterdrückten Widerwillens in den Augen erwachte, während Melitta rasch zurücktrat. –

Im Vestibül traf Charlotte auf Fräulein Rosa Hesse, die ihr voller Emphase entgegenrief: »Sie Beneidenswerte haben dabei sein können, und ich habe von nichts gewußt! Sie müssen mir genau, haarklein alles erzählen, wie es war, Sie kommen ja soeben von den Glücklichen!«