Fräulein Rosa Hesse war sich anfänglich etwas verwaist vorgekommen. Ja, ja, das alte Ehepaar aus Westpreußen war gemütlich und gut, die zwei jungen Mädchen aus Dresden mit ihrem schwerhörigen Onkel schienen gut erzogen und legten ihr nichts in den Weg – aber war denn das ein Publikum für sie, den Schöngeist, oder ließ sich irgend etwas Romantisches, Anziehendes über diese Leute denken, die so ganz harmlos in den Tag hineinlebten, ihre Ausflüge besprachen, aßen, tranken und von höheren Interessen nicht den Schimmer besaßen?
Da war noch eine ältliche Dame aus Stettin in Pommern, die hatte ein feines, stilles Gesicht und kluge Augen … vielleicht hatte sie allerlei erlebt – aber sie ließ schwer an sich kommen. Sie schien leidend zu sein, suchte die Einsamkeit, grüßte sehr höflich, sprach mit sympathischer Stimme dann und wann ein paar Worte, die auch nichts besonderes sagten, und zog sich nach den Mahlzeiten sehr bald in ihr Zimmer zurück. Ein junger Handelsbeflissener, der mit den beiden älteren Herren zuweilen Skat spielte, und ein jüdischer Kaufmann aus Tarnopol vervollständigten die Gesellschaft – Fräulein Hesse ließ oft ihre Blicke mit stillem Seufzen über diese Tafelrunde gleiten und hielt sich mit Resignation an die ausgezeichnete Kost des Pensionates, obgleich materielle Dinge für ihre höher veranlagte Natur sonst wenig in Betracht kamen!
Da erschien wie eine Erlösung das junge Ehepaar.
Doktor Schott und Frau aus Augsburg, sagte das Fremdenbuch … aber Fräulein Rosas Inneres sagte viel mehr, ihre schlummernde Phantasie wurde wach und hob die Flügel – endlich, endlich Menschen, bei deren Anblick sich etwas denken ließ!
In der That, man brauchte kein Schöngeist und kein Enthusiast zu sein, um an diesen beiden ausgesuchten Exemplaren sein Wohlgefallen zu haben.
Die Frau, eine vornehme, zarte Erscheinung, lichtblond, wundervoll gebaut, mit köstlichen grauen, schwarzbewimperten Augen und einer Haut, wie weißer matter Samt – der Mann eine imposante Gestalt, gerade und stolz gewachsen, gleich einer Gebirgstanne, der dunkle Kopf mit dem schmal auslaufenden schwarzen Bart an einen Spanier mahnend.
»Er ist doch eigentlich eine Schönheit!« äußerte Fräulein Hesse zu der ältlichen Dame aus Stettin. Warum sie »eigentlich« hinzufügte, erklärte sie nicht näher, aber zwei Minuten später konnte man sie zu den jungen Mädchen aus Dresden wiederum sagen hören: »Die Frau ist entzückend – und er ist doch eigentlich eine Schönheit!«
Daß Fräulein Hesse den glühenden Wunsch im Busen trug, den Objekten ihrer Bewunderung näher zu treten, wird ihr niemand verargen. Sie stellte sich bei Tisch in aller Form vor und legte in Blick und Ton eine gewisse Ehrfurcht, wie sie, ihrer Meinung nach, zwei von der Natur so offenbar bevorzugten Wesen zukam … aber Herr und Frau Doktor Schott erwiesen sich als ziemlich zurückhaltend; sie gaben höflich Rede und Antwort, indes in knapper Form, sie schienen nicht gesonnen, sofort Bekanntschaften anzuknüpfen.
»Ich wette, die junge Frau stammt aus adligem Geschlecht!« bemerkte Fräulein Hesse zu den jungen Dresdenerinnen, mit denen sie sich nachmittags im Garten erging. »Solch' eine Art, den Kopf hoch zu tragen und vornehm von oben herab zu grüßen, hat nur der feudale alte Adel. Glauben Sie es mir, ich habe den Blick dafür!«
»Hast du das Medaillon gesehen, Helene, das sie um den Hals trägt?« fragte das ältere Fräulein die Schwester. »Brillanten mit Türkisen – himmlisch!«