»Gott, und dies ganz schlichte weiße Wollkleid, wie ihr das steht, und was für Spitzen das hatte!«

»Reich müssen sie sein – und dazu bloß so schlichtweg Doktor Schott!«

»Was für ein Doktor, möchte ich wissen!«

»Das kleine Mädchen heißt Erna!«

»Süßer Name und neuerdings sehr in Aufnahme gekommen! Oberst von Stahls Töchterchen heißt auch Erna!«

»Wenn wir etwas Näheres wissen wollen, müssen wir das Kindermädchen ausfragen. Diskret natürlich und so recht zutraulich, das ist für solche Leute das richtige!«

»Ach, Fräulein Hesse, wenn Sie das thäten!«

»Gewiß thue ich das! Mit allen Schichten der Bevölkerung den richtigen Ton treffen – verstehen Sie, mit allen – das ist das Siegel, welches eine umfassende Weltkenntnis uns aufdrückt – das ist das Geheimnis, das uns lehrt, in die Tiefen der menschlichen Natur zu dringen! Was mich treibt, ist nicht gemeine Neugier – nie dürfen Sie dies von mir denken! – es ist vielmehr der Drang, mich höher gearteten Wesen zu gesellen, sie zu erforschen und in ihrem Umgang meinem Dasein diejenige Abrundung zu verleihen, nach welcher der wahrhaft gebildete Mensch unablässig zu streben hat!«

Mit dieser wohlklingenden Sentenz verabschiedete sich Fräulein Hesse von ihren Begleiterinnen. Sie wäre wenig erbaut gewesen, hätte sie gehört, wie die jüngere Schwester zur älteren lachend sagte: »Ist doch 'ne verdrehte Schraube! Na, mir soll's recht sein, wenn sie etwas herausbekommt!« – Leider bekam sie nichts heraus.

Das Kindermädchen, eine ältere Person von stillem ernsten Aussehen, saß gegen Abend, während das junge Ehepaar einen weiteren Spaziergang unternahm, mit einem Strickzeug im Garten, die kleine Erna lud geschäftig Sand und Steinchen in einen buntgemalten Puppenwagen und blickte kaum auf, als Fräulein Hesse sie anredete: »Mein süßes kleines Mädchen, wie heißt du denn?«