»Morgen früh – wenn Gott will,
Wirst du wieder geweckt!«

Und noch einmal das Liedchen von Anfang und wieder von Anfang – die Kleine schien ruhiger zu werden, die Händchen griffen nicht mehr so krampfhaft in das Kleid der Mutter.

Doktor Schott hatte ein Pulver in ein Glas mit Wasser geschüttet und brachte es herbei.

»Was willst du ihr geben?«

»Natürlich etwas Fieberstillendes! Komm, Erna, sei ein gutes Kind – trink!«

Aber Erna wollte nicht! Sie warf den Kopf hintenüber, preßte die Zähne fest aufeinander und stieß mit den Händen nach dem Glase. Mehr als die Hälfte des Inhalts ging verloren, und nur während das Kind zum Schreien den Mund öffnete, gelang es, ihm etwas von der Flüssigkeit einzuflößen. Es dauerte diesmal lange, ehe Erna sich beruhigte. Der Anblick ihres Vaters schien sie ganz besonders aufzuregen, sie wurde erst still, als er ganz beiseite trat, sie ihn nicht mehr sehen konnte und die Mama ihr immer wieder sagte, Papa sei fortgegangen und werde nicht mehr hereinkommen.

Die junge Frau wiegte leise das aufgeregte Kind in ihren Armen hin und her, bettete das heiße Köpfchen bald so, bald so, sprach leise und beschwichtigende Worte, bis endlich, endlich Erna wieder einschlummerte. Die Mutter wagte es noch eine ganze Weile nicht, ihr Kind in das kleine Bett zurückzulegen – dann that sie es mit äußerster Behutsamkeit, immer noch herabgeneigt, mit verhaltenem Atem lauschend. Zuletzt wandte sie sich von dem Bettchen zurück zu ihrem Gatten und winkte ihn in das Nebenzimmer.

»Ich werde jetzt selbst hinuntergehen und mit Frau Eigener wegen eines Boten zum Arzt sprechen!«

Doktor Schott vertrat ihr den Weg.

»Du wirst nicht! Sei verständig, Melitta! Was hätte es für einen Zweck, irgend einen ganz obskuren, ungebildeten Gebirgsarzt herzuholen, wenn ich da bin und die Behandlung des Kindes übernehme?«