Es antwortete ihm niemand. Melitta und der Professor waren um das Kind bemüht, das die Medizin nicht gutwillig nehmen wollte; die Mutter hielt es im Arm und redete ihm sanft zu, der Arzt benutzte einen Augenblick, bog Ernas Kopf zurück und goß ihr geschickt den Inhalt des Löffels in den Mund.

»Das wäre geschehen!« sagte er tief aufatmend. »Nun wollen wir einmal stark die Füße frottieren. Liebe Charlotte, bitte, die Bürste, die dort liegt, und du könntest gleich hierhertreten und die Kleine halten, sie wird nicht gutwillig still liegen. Nein, du mußt an dieser Seite stehen, und sieh nur zu, daß die Eisblase an ihrer Stelle bleibt. Wollen Sie die Füße frei machen, gnädige Frau!«

Hinter den drei emsig Beschäftigten wurde eine Thür geschlossen. Keiner von ihnen wandte den Kopf zurück.


6.

Es war etwa zwei Stunden später.

Erna hatte noch mehrmals Medizin bekommen, danach war endlich etwas Schweiß eingetreten, was der Arzt sehnlichst gewünscht hatte, und sie schlief jetzt wirklich. Ihre Mutter ebenfalls zum Schlafen zu bewegen war völlig nutzlos, sie lächelte nur immer, schüttelte stumm den Kopf und rührte sich nicht von ihrem Sessel neben dem kleinen Bett. Man mußte sie gewähren lassen. Keinen Augenblick schien ihr mehr der Gedanke zu kommen, daß für ihr Kind noch Gefahr sei, daß es ihr doch noch entrissen werden könne. Als sei mit Professor Hartwig die Hilfe, die Rettung in Person über ihre Schwelle getreten, so zuversichtlich, so gläubig blickte sie zu ihm empor. Er hatte ihr noch kein erlösendes Wort gesagt, nur angedeutet, daß er mit dem bisherigen Verlauf der Krankheit nicht unzufrieden sei, daß die Medizin gute Wirkung zu haben scheine … Melitta war sichtlich damit beruhigt.

Von Doktor Schott hatte man nichts weiter seitdem gesehen. Ob er seine Freunde im »schwarzen Lamm« aufgesucht oder einen weiteren Gang angetreten hatte – niemand wußte es zu sagen.

In Charlotte Hartwigs Stübchen saß diese neben ihrem Bruder auf dem braunen Ledersofa vor einem sehr reichhaltigen und einladenden Frühstück. Die besorgte Schwester nötigte ihren Walter unausgesetzt zum Zulangen.

»Es ist doch nicht möglich, daß du schon satt sein kannst – du wirst überhungert haben, das ist das Ganze. So iß doch wenigstens noch eine Kleinigkeit!«