»Du bist komisch, Lottchen! Wenn ich dich extra um eine Sache ersuche –«

»Sonst sagst du doch immer gleich, ich erzähle viel zu weitläufig!«

»Heute werde ich das nicht sagen!«

Und er sagte es auch nicht, trotzdem Fräulein Charlotte in der That weitläufig erzählte. Ohne sie ein einziges Mal zu unterbrechen, die Augen gesenkt, mit einem Tischmesser emsig an einer Äpfelschale herumschnitzelnd, hörte er alles mit an, von dem ersten Auftreten des Ehepaars Schott, von Fräulein Hesses und der übrigen Pensionäre Bezeichnung »die Glücklichen,« der Scene, die Charlotte damals im Garten belauscht, der Unterredung, die sie mit der jungen Frau gehabt, bis zu Ernas Erkrankung – Resis Bericht über des Doktors Auftrag an Peterl und endlich Melittas Beichte an Charlotte. Als dies letzte zur Sprache kam, legte der Professor das Messer und die Äpfelschale weg und sah seiner Schwester gespannt ins Gesicht.

»Also das sagte sie? Und ganz bestimmt? Sie will fort von ihm – – meinst du, daß sie es durchsetzt?«

»Ich müßte mich gewaltig irren, wenn nicht! Das ist ja kein Mißverständnis und kein Zerwürfnis von heute – das arbeitet schon jahrelang in ihr, und die jetzigen Erlebnisse haben eben das Maß voll gemacht. Wenn sie Resis Erzählung mit angehört hat – und sie hat es, meinen Kopf zum Pfande! – dann war das eben der Tropfen, der das volle Gefäß zum Überlaufen brachte. Und überhaupt … ich habe sie beobachtet und es mehr als einmal wahrgenommen – sie hat ein Grauen vor ihm! Seine Leidenschaft widert sie nur noch an – ich kann dir das nicht so sagen –«

Er bewegte ein wenig die Hand. »Das ist nicht nötig!«

»Nun eben, siehst du! Und wenn er sie nicht freiwillig losläßt … sie ist imstande, ihn böswillig zu verlassen, um einen Scheidungsgrund zu haben – und unüberwindliche Abneigung kommt gleichfalls ins Spiel – aus dem Kinde macht er sich nichts, meint sie, und ich glaube, sie hat recht. Wie könnte er sonst das arme Geschöpfchen so hart behandeln? Wäre Erna ein Junge, dächte er vielleicht anders, aber so …«

»Und was sagtest du, wollte sie anfangen? Musik? War es nicht so?«

»Ja! Sie scheint sehr musikalisch zu sein, sie erwähnte einmal früher, wie weit sie in ihrem Studium gekommen, was sie alles gespielt und auswendig gewußt habe – Chopinsche Impromptus und Schumanns Phantasiestücke und Bachsche Fugen – sie hat heimlich doch immer fortstudiert. Nun möchte sie auf ein Konservatorium, von da entweder in den Konzertsaal oder an irgend ein Institut als Lehrerin – so hab' ich sie verstanden. Was willst du sagen?«