Der Professor nahm seine Schnitzelei wieder auf.

»Ich meine, es – es – wäre noch nicht das schlechteste, wenn sie – falls alles so kommt, weißt du – nach Stettin herüberkäme. Ich könnte ihr doch da … ich meine, wir könnten ihr doch da – erheblich von Nutzen sein – wenn sie doch, wie du meinst, nicht viel Anhang hat in der Welt und er, dieser – dieser – Mensch, sie so absichtlich von allem Verkehr isoliert hat! Ich – in meinem Patientenkreis – mir wär es ein Leichtes, sie da einzuführen, zu mir haben die Leute wirklich viel Vertrauen – und eine Dame, für die ich mich warm interessiere …«

»Ja, Walter, interessierst du dich denn warm für sie?«

Er ließ das Messer unter den Tisch fallen, bückte sich danach, ließ nunmehr die Äpfelschale fallen und bückte sich noch einmal – er war von dem mehrmaligen Bücken ganz rot im Gesicht geworden.

»Warum soll ich nicht, Lottchen?« fragte er herausfordernd. »Findest du etwas dabei, wenn ich mich für eine Dame, die so – so tapfer und – und energisch sich benimmt und am Krankenbett so gut zu brauchen und die Mutter eines so – so – niedlichen kleinen Mädchens ist, die außerdem ein so schweres Schicksal hat … wenn ich mich für die interessiere?«

Fräulein Charlotte lächelte.

»Gott bewahre, nein, Walter, ich finde nichts dabei! Interessiere du dich in Gottes Namen. Aber weißt du, was deine Patienten sagen werden, wenn du ihnen diese musikalische Kraft zuführst? Sie werden weder denken, daß diese Dame sich so tapfer und energisch benimmt, noch daß sie am Krankenbett zu brauchen ist, weder daß sie ein niedliches Töchterchen und ein schweres Schicksal hat – sondern – sie werden einfach sagen –«

»Was denn, Lottchen?«

»Sie werden einfach sagen: sie ist eine reizende junge Frau, und unser lieber Hausarzt, Professor Hartwig, hat sich in sie verliebt!«

Der Professor klopfte ein paarmal mit der flachen Hand auf den Tisch und goß sich dann, trotz seines vorherigen Protestes, in aller Geschwindigkeit ein frisches Glas Wein ein – alles, ohne zu sprechen. Als er das Glas zum Munde führen wollte, hielt Charlotte ihm die Hand fest. In ihren Augen glänzte es feucht.