Endlich, am Morgen des nächsten Tages wurde für Doktor Schott ein Briefchen abgegeben.
»Erna gänzlich fieberfrei und auf dem besten Wege vollständiger Genesung. Professor Hartwig und Schwester heute früh nach G… weitergereist.«
Weiter kein Wort – keine Bitte, kein Versprechen, kein Zeichen der Verabredung.
Des Doktors Gesicht sah sehr düster aus, als er das Hotel zum »schwarzen Lamm« verließ, aber noch unendlich viel düsterer war es anzusehen, als er, nach etwa zweistündiger Abwesenheit, wiederkam.
Es hatte sich in Stettin niemand aus Professor Hartwigs Patientenkreis über die Einführung einer neuen jungen und schönen Musiklehrerin wundern und einen Vers daraus machen dürfen. Es war gar nicht dazu gekommen. – Zwar, in Leipzig am dortigen Konservatorium war eine reizende blonde Frau mit einem Töchterchen aufgetaucht – die einen sagten, sie sei eine Witwe, die anderen, sie sei eine geschiedene Frau, genaues darüber erfuhr man nicht. Sie wohnte bescheiden, kleidete sich einfach und lebte sehr zurückgezogen – mit alledem hörte sie nicht auf, schön zu sein und so eifrig zu studieren, daß die Lehrer am Konservatorium ihr Mäßigung anzuempfehlen hatten. Sie zeigte viel Talent, eine tüchtige Technik, eine eigene Auffassung – dennoch hielt man sie zur Konzertspielerin für ungeeignet, ihr mädchenhaft-zurückhaltendes Wesen schien zum öffentlichen Auftreten nicht geschaffen. Eine Musikschülerin, ein ganz junges Mädchen, wohnte mit der interessanten Frau in einem Hause und verehrte sie so schwärmerisch, warb so beharrlich mit reizenden Blumensträußen um ihre Neigung und mit Bonbons und Puppen um die Gunst des kleinen Mädchens, daß zuletzt wirklich eine Art von Freundschaft zwischen diesen drei sehr verschiedengearteten weiblichen Wesen zustande kam. Das junge Fräulein kam jetzt oft in Frau Melittas kleine, überaus zierlich eingerichtete Wohnung, und eines Tages – sie mochten wohl beide etwas über ein Jahr Musik studiert haben – fand sie in eben dieser Wohnung eine sympathisch aussehende alte Dame, die ihr Frau Melitta als »ihre liebe Freundin Fräulein Hartwig aus Stettin« vorstellte. Es ergab sich im Lauf des Gespräches, daß die beiden Damen seit ihrer ersten Bekanntschaft stets eifrig miteinander korrespondiert hatten, sie schienen sich sehr nahe zu stehen, die junge Musikschülerin wurde förmlich eifersüchtig auf Fräulein Hartwig, zumal auch Erna sich auf Tante Charlottes Schoß sofort zärtlich eingenistet hatte. Nach einigen Tagen fuhr die alte Dame ab, mit einem sehr glücklichen, freudigen Gesichtsausdruck, und dann vergingen ein paar Monate, und es ereignete sich weiter nichts, als daß Melitta einmal auf zwei Tage verreiste und daß ihr der Postbote des öfteren große, amtlich gesiegelte Briefe brachte. Darüber war das Frühjahr herangekommen, ungewöhnlich schön und warm, und an einem prachtvollen Maitage kam abermals Besuch für die junge Frau: es war wieder Fräulein Charlotte Hartwig aus Stettin, aber diesmal kam sie nicht allein. Sie brachte einen Herrn mit, der weder besonders schön, noch besonders jung aussah, und dennoch mußte man gern in sein kluges und gutes Gesicht sehen, er sah, wie die Musikschülerin zu ihrer Tante bemerkte, geradeswegs zum Liebhaben aus! – Nun das mußte auch Frau Melitta finden, denn sie kam am Arm des besagten Herrn zu ihrer jungen Freundin, die eine Treppe höher wohnte, herauf und präsentierte Herrn Professor Hartwig aus Stettin als ihren Verlobten. Des Abends wurde im kleinen Salon der Braut im intimsten Kreise eine stille Verlobungsfeier bei einer Maibowle begangen, und Melitta war entzückend anzusehen in einem schlichten Wollkleide, mit einem vollen Strauß Maiglöckchen an der Brust. Schwer war es zu sagen, wer das glücklichere Gesicht hatte – Professor Hartwig oder seine reizende Braut – und Fräulein Charlotte konkurrierte gleichfalls darum, sie konnte sich an den beiden nicht satt sehen und holte immer von neuem ihr Taschentuch hervor, um sich die Augen zu trocknen, während ihre Lippen lachten. Erna wanderte aus einem Arm in den anderen und vertraute ihrer jungen Freundin mehrmals geheimnisvoll, mit strahlendem Gesichtchen: »Aber, du, jetzt bekomm' ich einen guten Papa!« eine Bemerkung, deren Sinn das junge Mädchen halbwegs erriet. Jetzt stellte es sich heraus, daß Fräulein Charlotte damals im Spätherbst nur nach Leipzig gekommen war, persönlich zu »sondieren, weil es Walter so angst und bange geworden sei und er gemeint habe, er müsse sich einen Korb holen, denn wenn alte Junggesellen mit grauem Haar um junge, schöne Damen freiten« – – zu Ende kam er nicht mit seinem Satz, eine weiche, kleine Hand deckte sich über seinen Mund, und zwei glückselig leuchtende Augen lächelten ihn an.
Da hob Fräulein Charlotte ihr Glas und sagte leise: »Laßt mich euch einen Toast ausbringen und zwar mit einem bekannten Wort, das einmal auf zwei Menschen angewendet wurde, für die es nicht paßte, denn es war nur Schein, und, wie so oft im Leben, trog der Schein auch hier. Ich aber weiß es besser heute, und wir alle wissen es, wenn wir jetzt die Gläser heben und unserem Brautpaar zurufen: Es leben ›die Glücklichen!‹«
Ende.