»Warten, bis Ihr Bruder mir Ernas Zustand aus freien Stücken als gänzlich gefahrlos bezeichnet – dann ihn hierherrufen und ihm sagen, was ich zu sagen habe!«
Die junge Frau sprach das so einfach und ruhig aus, als sei es die selbstverständlichste Sache von der Welt – in ihren Augen stand ein klares Licht, das nicht von bevorstehenden, sondern von überwundenen Kämpfen zeugte.
»Sie sind ganz mutig, ganz mit sich einig?« fragte Charlotte.
»Vollkommen! Ich weiß es selbst nicht, woher diese stille Zuversicht stammt. Es ist wie eine fremde Kraft in mir – sie weist mir den Weg, den ich zu gehen habe!«
Das alte Fräulein seufzte recht aus tiefster Seele.
»Gott wolle alles zum besten lenken!« sagte sie inbrünstig. – – –
Im »schwarzen Lamm« gab es große Aufregung. Landrat Rothe hatte eigentlich schon heute mit seiner Frau abreisen wollen, sie fühlten sich aber allesamt von der »Parforcetour« in die Berge zu angegriffen und hatten beschlossen, noch einen Tag zuzugeben. Nun war ihnen ganz unerwartet Doktor Schott ins Hotel hineingeschneit und schien sich wunderbarerweise fürs erste da festsetzen zu wollen. Die ausgiebigen Fragen nach seiner Gattin beantwortete er sehr obenhin – die Kleine sei nicht ganz wohlauf, es sei aber nicht schlimm, seine Frau natürlich wäre nicht vom Krankenbett fortzubringen. Die Freunde mußten aber sehr bald merken, daß die Sache keineswegs so einfach sei, wie er sie darzustellen wünschte, denn Schott war von einer immer sich steigernden Unruhe ergriffen, die sich kaum unterdrücken ließ und der Umgebung je länger je deutlicher wahrnehmbar wurde. Er saß entweder teilnahmlos da, ohne ein Wort zu äußern, oder seine Beredsamkeit hatte etwas geradezu fieberhaft erregtes, in seinen Augen funkelte ein grelles Feuer – dazu lief er in immer kürzeren Zwischenräumen zum Portier des Hotels, fragen, ob keine Nachricht für ihn gekommen sei – und als es Abend wurde und immer noch keine Botschaft da war, ging es mit dem Rest seiner Selbstbeherrschung zu Ende. Er konnte die Gesellschaft der Freunde und ihr harmloses Gespräch nicht länger ertragen, er ließ sich ein Zimmer anweisen und verbrachte dort einsam den Abend, nur wenige Bissen genießend, in ruhelosem Hin- und Herwandern.
Am nächsten Tage gegen Mittag reisten die Freunde fort. Der Abschied von Doktor Schott fiel nach dem so herzlich gefeierten Wiedersehen, ziemlich erzwungen und förmlich aus, und nur das allseitige Bedauern, seine reizende Frau nicht mehr sehen zu können, kam echt heraus. Für den Zurückbleibenden hatte sich die Situation nicht geändert – es war noch immer aus Pensionat Klinger keine Nachricht für ihn da.