»Ach, Sie verzeihen mir gewiß – bitte, bitte! Aber ich mußte kommen und es Ihnen sagen: soeben ist Erna aufgewacht, und sie hat mich erkannt und ist ganz bei Besinnung! Das ist doch gewiß ein gutes Zeichen, und ich muß, ich muß Ihnen jetzt endlich danken!«
Leicht, leicht, wie von ihrem dankbaren Glück auf Flügeln getragen, kam sie herbei und nahm des Professors Rechte in ihre beiden Hände.
»Solange ich lebe, will ich Ihnen das nicht vergessen, was Sie heute gethan haben, und solange ich lebe, will ich Ihnen dafür danken!«
Seine Schwester verstand den eigentümlichen Blick zu deuten, mit dem er auf die blonde, schöne Frau hinsah. »Ich werde dich beim Wort nehmen!« stand in diesem Blick zu lesen. Im übrigen aber verriet nichts an ihm die plötzliche Wandlung in seinem Innern, diese rasche Liebe, die dem gesetzten, verständigen Arzt beim ersten Begegnen gekommen war. Sie war die Frau eines anderen, noch hatte sich nicht das mindeste in Bezug auf die Lösung dieses Bundes entschieden, noch konnte niemand wissen, ob in Melittas Herzen neben der begeisterten Dankbarkeit für den Retter in der Not irgend ein persönliches wärmeres Gefühl sich regte … so blieb der Professor streng sachlich, fragte, ob Erna noch im Schweiß liege und ob Aussicht vorhanden sei, daß sie bald von neuem einschlafe – am Ende erklärte er, selbst nachsehen zu wollen und ging den beiden Damen voraus in das Krankenzimmer.
Melitta zögerte einen Augenblick, ehe sie ihm folgte. Sie zog aus ihrer Kleidertasche einen zusammengelegten Zettel, den sie in Charlottens Hand drückte – ein Knabe hätte ihn vor einer halben Stunde gebracht.
Es stand folgendes darauf zu lesen: »Ich halte es für das beste, angesichts deines nichtachtenden, mich vor diesen fremden Leuten total kompromittierenden Wesens, ähnlichen Vorkommnissen, wie denjenigen von heute früh, durch mein einstweiliges Fernbleiben vorzubeugen. Ich bin im »schwarzen Lamm« zu finden, falls Ernas Zustand sich verschlimmert und du meiner bedarfst. Im anderen Fall bitte ich, mich erst dann zu benachrichtigen, wenn ich sicher bin, Professor Hartwig nicht mehr in deiner Umgebung anzutreffen, da dieser Herr sich erlaubt hat, mir Dinge zu sagen, die mir ein nochmaliges Zusammentreffen mit ihm nicht wünschenswert erscheinen lassen. Was dein heutiges Benehmen mir gegenüber betrifft, so bin ich bereit, es mit deiner, wie damals, als Siegmund starb, bis zur Sinnlosigkeit gesteigerten Angst und Aufregung entschuldigen zu wollen, falls du diese Thatsache mir gegenüber ohne weiteres einräumst und meine Verzeihung dafür erbittest. Daß ähnliches sich niemals wiederholt, soll fortan meine Sorge sein!
Udo Schott.«
Fräulein Hartwig hatte das Briefchen hastig mit den Augen überflogen und gab es jetzt zurück.
»Was werden Sie thun?« fragte sie besorgt.