Gisela hat alle Farbe verloren und schleicht wie ein gescheuchtes Huhn einher. Den Schmerz will sie schon tragen, aber die Schande kann sie nicht!

Aber es war noch nicht aller Tage Abend. Ein Ruck – und die wirrtolle Jagd bergab stand plötzlich still. Wer hat sie aufgehalten? Von wem kam der kräftige Ruck?

Es war Herr August Schultze. Der war von anderem Holz als Herr v. Leisewitz. Der stand mit seiner untersetzten, energischen Figur neben Frau v. Pohle am Aktenschrank, nahm ihr mit seinen fleischigen und doch festen Händen die häßlichen, schrecklichen Papiere fort und sagte in dem Ton, den gutwillige Plebejer an sich haben, wenn sie helfen wollen und ihre Unentbehrlichkeit durchaus nicht zu verschleiern sich bemühen:

»Das ist nichts für Sie, gnädige Frau. Da finden Sie sich doch nicht durch. Wenn es Ihnen recht ist, nehme ich den Krempel mal ein bißchen zur Hand und schaffe da erst Ordnung drein.«

Ach ja, es mußte ihr ja schon recht sein. Sie konnte sich hier die Helfer nicht erst aus feinen Erziehungsinstituten verschreiben.

Gisela konnte aus ihrem Winkel herauskommen. Herr Schultze verstand sich aufs Zaubern: von der Stunde seiner Ankunft an ging alles unhörbar und sicher wie auf Rollen. Alle Angst und Unklarheit war wie fortgewischt.

Er hatte sich gleich zwei seiner Schreiber herüberkommen lassen und sich mit denen ein paar Stunden eingeschlossen. Dann kam er, glänzend vor Wohlwollen und Frische, mit dem vergnügten Händereiben des Mannes, der ein Stück Arbeit hinter sich hat, in das Eßzimmer, wo man mit dem Kaffee auf ihn wartete.

Er redete unablässig, während er es sich hier im Kreise der Damen wohl sein ließ, aber nur von ganz außenliegenden Dingen. Von seinem Gut und seiner Fabrik und auch mit angenehmer Offenheit von seinem arbeits- und erfolgreichen Lebensgang, von seinen kleinen mühseligen Anfängen, die durch seine jetzige Stellung verklärt und gekrönt erschienen.

Von nun an hielt er das Geschick der Kinder von Hohen-Leucken in seiner Hand. Man hätte sich in diesem Falle keine bessere Hand wünschen können. Keine Liebe und liebenswürdige Begeisterung, keine Weichheit und kein Mitleid konnte so sicher, klar und einzig richtig die verfahrenen Verhältnisse ordnen, als es dieser Mann mit dem geschäftsgewohnten Kopf und dem kühlen Herzen tat. Er behandelte alle Dinge mit der sachlichsten Ruhe, rettete der künftigen Braut seines Sohnes, was noch zu retten war, betrieb den Verkauf des Gutes nicht als eine Angstsache, sondern als die durch den Todesfall bedingte allernatürlichste Angelegenheit und band dabei durch all sein Vorgehen Gisela an Händen und Füßen für seinen Leopold fest.

Frau v. Pohle merkte dies von der ersten Stunde an. Gisela wußte es auch. Danach wurde es auch Fritzchen klar.