Von hier aus ging es in den steingepflasterten Hof und vor die niedrige Einfahrtsrampe.

Was das stolze alte Tor versprach, wurde von dem Schlosse freilich nur recht ungenügend gehalten. Es war ein nüchterner und kahler Bau, an dem nur das Alter interessant war, sonstige Erinnerungen an verklungene Ritterzeiten, die ohne Zweifel vorhanden gewesen waren, mußten verschleudert worden oder sonstwie zu Grunde gegangen sein. Es ging eine trübe und schändliche Sage um, daß der Großvater des jetzigen Herrn v. Dörfflin aus einem zwar erklärlichen, aber wenig ehrwürdigen Grunde einen schwungvollen Handel mit diesen alten, geheiligten Dingen getrieben habe. Aber man redete nicht laut darüber.

Das Schloß war breit angelegt, dauerhaft, aber häßlich und unwohnlich. Auf den breiten Treppen zog es beständig, und wer über die unendlichen Bodenräume ging, mußte mitten im Sommer ein Frieren bekommen, wenn er daran dachte, wie es sein müsse, hier zur Winterszeit in den unzähligen Kammern zu tun zu haben.

Frau v. Dörfflin, ein verwöhntes und verzärteltes Großstadtpüppchen, hatte diese Zustände vier bis fünf Jahre treulich durchgemacht und dann gründlich darüber quittiert, indem sie die Augen zumachte und sich in ihr letztes Bett tragen ließ. Sie war eine gute Seele und fand ihr Heil und ihre Pflichterfüllung in unentwegten Krankenbesuchen im nebligen Dorf, auf denen sie sich wie ein rührend unpraktisches liebes Kind benahm. Aber ihr zarter Körper mußte den Luxus, den ihre Seele trieb, bezahlen. In all dem Nebel, dem Zugwind und der Anstrengung ging sie ein wie ein Pflänzchen in verkehrter Pflege und löschte aus, wie von jeher ihre Lichter ausgelöscht waren, mit denen sie über die zugige Treppe in das obere Stockwerk hatte gehen wollen.

Herr v. Dörfflin war ein ziemlich roher und ungebildeter Junker, der von Pferden, Hunden, Jagd- und Landwirtschaft, auch vom Weinkeller zwar so viel wußte, als er brauchte, aber von Frauen, Kindern und den feineren Lebensfragen recht wenig. Er war trotzdem ein Mensch, den man lieb haben konnte, gutmütig, ehrlich und ritterlich aus Gewohnheit. An Herzenskummer starb seine Frau nicht, wenn auch vielleicht ein brillanterer Geist als der ihres guten Ludwig sie in eine andere Bahn des Lebens, Wirkens und Heiles geführt hätte als diese selbsterwählte, bei dem sie aus dem Husten und Frösteln gar nicht herauskam und auf der sie zum Schluß doch kaum mehr hinterließ als den halb mitleidigen Ruhm:

»Joa, se is gaud, uns' gnä Fru. Äwer äten kann ein' doch nich, wat se koakt.«

Tot war sie, dahin, erloschen. Und um die Sache noch gründlicher zu machen, zog sie sich ihren ältesten Jungen, ein schönes zartes Kind von fast vier Jahren, noch in demselben Winter nach. Ludwig v. Dörfflin saß in seinem kalten, ungemütlichen, einsamen Herrenhaus auf Hohen-Leucken, mochte nicht mehr jagen, noch zechen, noch meilenweit zu Bekannten fahren und konnte nur in die Hinterstube gehen und seinem kleinsten Mädchen, dem Fritzchen, dem unruhigsten und wildesten aller Säuglinge, verzagt in den Wagen und in das ewig schreiend aufgerissene Mäulchen gucken. Oder er konnte seine Zweijährige, die artige blonde kleine Gisela, an das Händchen fassen, sich krampfhaft besinnen, was man mit solchem Wurm spricht, der Bonne ein paar dumme Regeln geben, die entweder falsch oder selbstverständlich waren, und sich dann mit dem fatalen Gefühl seines Nichts wieder davon heben.

Mit der Zeit wuchs Gras über das stille Grab der stillen törichten kleinen Frau, und Herr v. Dörfflin ließ das Gras auch wachsen. Er »ließ« überhaupt meist alles, und nur seine Reitknechte wußten es (weil sie es fühlten), daß er unter Umständen auch sehr aktiv und selbsttätig sein könne.

Wie es zog auf den Treppen und dem langen kahlen, in seinen Ecken finsteren Boden! Es war jetzt auch immer schmutzig hier oben. Wer sollte reinmachen, wenn keine Hausfrau da war, es zu befehlen? Das Zimmermädchen schob es auf den Jakob, der die Stiefel putzte, der Jakob auf die Kartoffelschäl-Weiber, und die wiederum fanden, daß das Zimmermädchen auch für den Boden nicht zu feine Hände habe. So ging der Tanz immer fröhlich reihum, schlief auch dazwischen monatelang ein, bis zum großen Frühjahrsreinemachen oder zu Weihnachten auch wieder die Bodenfrage aktuell wurde. Die Wirtschafterin, die hier eigentlich das Machtwort hätte sprechen müssen, hatte ein zartes Verhältnis mit dem Inspektor, ein allzu zartes, das wie sie fürchtete, mit ihrem Abgang reißen könnte. Deshalb wollte sie sich lieber mit den Dienstboten nicht verfeinden, denn die vorige hatte gehen müssen, als eine allgemeine Petition deswegen an Herrn v. Dörfflin erging.

So war der Boden staubig und wurde immer staubiger, und in den Kammern häuften sich zerrissene und schadhafte Wäsche und Kleidungsstücke auf, die man nur »aus der Hand« legte, um sie »nächstens« auszubessern.