Die feine kleine Gisela mit dem schmalen hochmütigen Gesicht nahm ihr Kleidchen eng zusammen, wenn sie über den Boden ging, und ging dort auch nur, wenn es durchaus nötig war. Fritzchen aber war hier zu Hause, und da kümmerte sie weder der Staub, noch die Lumpen, noch all das zerbrochene Hausgerät in den Ecken.

Fritzchen schloß Freundschaft hier oben mit den Balken, den Brettern, den Sonnenstäubchen, selbst mit zerbrochenen Stühlen und alten Bettlaken. Wenn man das kleine wilde Ding suchte, so brauchte man nur nach oben zu laufen. Dann fand man sie in irgend einer tollen Maskerade und sich bewegend, murmelnd oder auch ganz laut diskutierend, als sei sie in einer großen Gesellschaft.

Der Bonne war es schon recht. Unten konnte man mit diesem Quirlchen doch nichts anfangen. Da war sie ungebärdig, höchst unbequem zu haben, oder sie langweilte sich und plärrte. Hier oben konnte man sie stundenlang allein lassen, es geschah ihr ja auch nichts, nur mußte man ihr ein graues Kittelchen anziehen, wenn man den Schmutz nicht sehen wollte, den sie sich hier oben holte.

Bis dahin war alles sehr schön. Gisela zwar zog ein Mäulchen, wenn Fritzchen mit glühenden Backen, die kurzgeschorenen braunen Härchen mit Spinnweben umflort, ins Spielzimmer zurückkam. Sie hatte unterdes Perlen aufgezogen, ihr Püppchen geputzt oder bei dem Fräulein in der Fibel gelernt. Aber das störte Fritzchen nicht, das kannte sie nicht anders. Sie kannte es auch nicht anders, als daß der Papa sich nicht im geringsten um seine Kinder kümmerte. Oft sahen sie ihn tagelang nicht, denn auch bei seinen Mahlzeiten durften sie noch nicht sein. Sie hatte ihre eigene Ritter-, Feen- und Koboldwelt zwischen den dunklen Balken auf dem Boden.

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Unterdessen, ganz für sich und unabhängig von den kleinen Kinderherzen und Gesichterchen, machte der Papa seine Dummheiten. Er ging, sich zu verloben.

Er hatte aber auch einen Freund, noch aus seiner schönen, lustigen Leutnantszeit her, den Freiherrn Fritz v. Zülchow. Der hatte sein Besitztum auf Rummelshof, das ungefähr drei Meilen entfernt lag. Schon als Knaben und dann als Jünglinge waren die beiden trotz großer Verschiedenheiten die besten Kameraden gewesen. Später war das anders geworden. Die Frau, die Herr v. Zülchow sich nahm, war ein stolzes, feines Geschöpf, das eine Abneigung gegen den kleinen derben Ludwig v. Dörfflin hatte. Dadurch wurde der Verkehr zu einer etwas peinlichen Sache und drohte, ganz auseinander zu fallen. Nur hin und wieder auf Jagden, Gesellschaften oder bei den seltenen Besuchen sah man sich. Aber man war sich von Herzen gut wie nur je zuvor.

Jetzt als Herr v. Dörfflin ein unverhülltes Interesse an einem etwas zweifelhaften hereingeschneiten Frauenzimmer zu nehmen begann, wachte alle alte Kameradschaft mit erneuter Stärke in Fritz v. Zülchow auf. »Sieh Dich vor, Lutz!« drängte er. »Es ist nichts damit. Ein weißes Gesicht und ein schwarzes Herz. Du wirst es bereuen.«

»Ach was, dummes Zeug«, sagte Ludwig v. Dörfflin.

Einmal war der Freiherr v. Zülchow wieder in Hohen-Leucken. Es war zur Sommerszeit. Als er mit dem Freunde durch den verwilderten Garten ging, sah er die Kinder hinten durch die Büsche laufen, er rief sie an. Gisela kam gleich, Fritzchen versteckte sich. Der Freiherr war ein kräftiger, froher und sehr wacher Mensch, der nicht, wie sein guter Lutz, auch im Gehen und Stehen halb schlief. Er setzte dem scheuen, wilden Dingelchen nach, faßte es, und während er es festhielt und sich mit ihm auf eine Bank setzte, erzählte er ihm von seinen Hunden, Pferden und seinen zwei großen Jungen, Gregor und Hans Henning, die reiten, schießen und schwimmen könnten wie die Teufel. Dabei sah er Fritzchen unverwandt ins Gesicht und sah, wie sich der scheue, trotzige Ausdruck des schmutzigen kleinen Gesichtes löste und ein süßes, weiches und verlassenes kleines Kindergesicht zum Vorschein kam.