Palazzo Dario, am 15. Mai.
„Venedig.“ Ich flüstere es vor mich hin, in scheuer Andacht. Stahlblau liegt die Lagune vor mir und muntere Wellchen plätschern an die Stufen des Palazzo. Lautlos gleiten die Gondeln dahin und lachend strahlt der Himmel nieder auf dieses Feenland, das sagenumwoben ist, wie kein zweites.
Bella Venezia, stolze Königin, die Du lächelnd das Blut Deiner Söhne trankest, dieser glühenden, leidenschaftlichen Geschöpfe, die lieber sterben wollten als unterliegen, die Du den Dichter zu höchster Begeisterung entflammst, die Du selbst das Merkmal ewiger Poesie auf Deiner Stirne trägst, ich neige mich vor Dir.
Ach es ist doch schön zu leben, — bewußt zu leben! Schon scheint mir die böse Krankheit, die ich durchgemacht, Alles was hinter mir liegt, so nebelhaft verschwommen, in unendlich ferne Vergangenheit gerückt. Sechs volle Wochen dagelegen, zerschlagen, völlig gleichgültig, in einer Art Halbschlummer, dann wieder wild phantasierend, fieberheiß, besinnungslos.
Auch Vincenz war bei mir im Traum. Einen Kranz von violetten Sternen trug er um das Haupt. Ich frug ihn, wo die Nelken seien. „Verblüht“ erwiderte er — und was die Sterne bedeuten? „Erinnerung.“ Da flammten sie plötzlich auf in rotem Schein — und dann wurden sie immer heller, immer blasser. —
Das war in der Nacht, wo die Gefahr am größten schien. Von da an gieng es besser ...
Jetzt fühl’ ich mich wie neugeboren, mir ist so leicht zu Mute als ob ich Flügel hätte.
Keine Spur mehr von der Überreizung, wie ich sie früher so oft empfunden, die mich verbittert und betrübt gemacht. Jetzt lache ich über meine überspannten Ideen. — Alt! Mit vierundzwanzig Jahren, bei solcher Eindrucksfähigkeit!
Wie erfrischend, dieser salzige Meereshauch! Man möchte ihn recht tief einsaugen, die Lungen damit füllen. Das stärkt, belebt, ist besser als alle Medikamente.
Die eigentliche „Stagione.“ Alle Hôtels und Pensionen bis auf den letzten Platz besetzt. Es wimmelt von Fremden. Wir können wirklich von Glück sagen, was unsere Wohnung anbelangt. Zwei allerliebste Schlafräume, in hellen Farben gehalten, mit großgeblumten Tapeten, ein Arbeitszimmer, und ein ungemein gemütlicher Salon. Nichts von der steifen Einförmigkeit der vermieteten Zimmer, sondern ein wohnliches Kunterbunt, mit lauschigen Ecken, eingelegten Möbeln, Teppichen und schönen Bildern.