Jetzt weiß ich es. Er war bei uns. Der schönste alte Herr, den man sich denken kann: einen Maler müßte dieser Kopf entzücken. So mögen die Ritter von ehedem ausgesehen haben, nur daß keine Spur von Wildheit in seinen Zügen liegt: die blauen Augen strahlen in fast überirdischer Güte und eine Welt von Milde tut sich kund in seinem Lächeln. Mein Blick hieng noch immer wie gebannt an der Hünengestalt mit dem edlen Gesicht, dem wallenden weißen Bart. Ich fuhr erschreckt auf, als die Tante mich vorstellte und ärgerte mich noch nachträglich über mein Erröten.
Die Beiden plauderten wie alte Bekannte, obwohl sie sich niemals zuvor gesehen. Ich schwieg: eine gewisse Scheu hatte sich meiner bemächtigt. Ich wollte etwas sagen, fand die Worte nicht, kam mir so dumm und unbedeutend vor. Vermutlich weil ich nicht gewöhnt bin, mit Fremden zu verkehren.
Aber ich habe gut zugehört und mir jedes Wort gemerkt, das er gesprochen. Er hat ein ungemein sympatisches Organ, weich und metallig zugleich: zu dieser Stimme paßt auch Alles, was er sagt:
„Wenn man wie ich, sein halbes Leben auf dem Schlachtfelde zugebracht, verlernt man es gründlich, für den Krieg zu schwärmen. Ich habe das furchtbare Elend der Menschen, ihr Blut, ihre Tränen gesehen, ich habe ihre Klagerufe, ihre Seufzer gehört, und bin über Leichen hinweggeschritten, dem Siege zu. Wir zogen ein mit wehenden Fahnen und klingendem Spiel. Die Menge jubelte uns zu. Ein Hochgefühl erfüllte da auch mich — eine Art Taumel — solange die Trompeten schmetterten und die Leute jauchzten. Ja, ja.“ Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne. — — „Irren ist menschlich — aber wenn man sein Unrecht eingesehen, soll man nicht starrköpfig sein. — Dreimal hab’ ich es mitgemacht und nur weil ich es wollte. Wie betäubt. Hab’ nicht gehört auf das Gewissen, lange Zeit. — — — Wenn ich allein war, da hab ich immer eine Stimme vernommen, ernst und traurig — zuerst nur selten, dann immer häufiger und lauter: zuletzt fand ich keine Ruhe mehr bei Tag und Nacht. Gerungene Hände, verstümmelte Jammergestalten, mit verzerrten Zügen und noch einem letzten Fluch auf ihren Lippen. — — — Da hab’ ich die Orden heruntergerissen von meiner Brust und mich geschämt. — — Ja, ja, lassen wir’s gut sein. Geschehen ist geschehen. Wie? Das Einzige, was in meiner Macht lag, habe ich getan. Meinen Sohn abgehalten, in meine Fußtapfen zu treten. Ist mir übrigens nicht schwer geworden. Hat selber nie was wissen wollen von den Massacres. Reist viel herum: ist eben wieder in Amerika gewesen. Kopf voll Socialismus. Will ein Buch schreiben über die Zustände dort. Gefallen ihm besser als bei uns zu Hause. Wie? Ganz international.“
Er spricht gewöhnlich in kurzen Sätzen und springt oft unvermittelt von einem Gegenstand zum andern über, was zuweilen bei Leuten vorkommt, denen vielerlei Gedanken auf einmal durch den Kopf schwirren. Auch wendet er das Wörtchen „Wie“ sehr häufig an, und sieht dann fragend umher, als erwarte er die Bestätigung.
„International“, wiederholte die Tante, „das ist heutzutage der einzig richtige Standpunkt. Freilich, Solche, die stets an der Scholle geklebt, die haben sich gewöhnt, das Stückchen heimatlicher Erde als Centrum zu betrachten, und alles außerhalb der Grenzen Liegende als Barbarei. Sie urteilen nicht aus Eigenem, denn es fehlt ihnen am Vergleich. — Würden sie hingegen näheren Verkehr mit den Nachbarvölkern, mit fremden Nationen pflegen, sie kämen gar bald zur Überzeugung, daß es auch dort Menschen und Einrichtungen gibt, die sehr vernünftig sind, und bei deren Nachahmung man nur profitieren kann. — Erwachsene Leute zeigen sich in der Regel weniger biegsam, schwerfälliger in ihren Anschauungen als Kinder. Es wäre darum sehr wünschenswert, die Letzteren für die Zeit ihrer Erziehung in ein anderes Land zu geben. Außer dem Vorteil des Erlernens einer fremden Sprache, wäre dies das beste Mittel zur Anknüpfung freundschaftlicher Beziehungen, was wieder nur den Frieden fördern könnte.“
„Ja, ja, wär’ eine gute Sache, wie? — Soll ein Gesetz werden.“
Dann kamen sie auf die momentan am wichtigsten Frage zurück, die Abschaffung des Duells. — — Der Graf legte uns eine Zeitungsnotiz vor, die zufällig einige Tage vorher in München, seiner Vaterstadt, erschienen war:
„Der Prinzregent von Bayern gegen das Duell.“
„Von allerhöchster Seite ist entschieden worden, daß das Urteil hinfällig ist, welches bestimmt, daß in einem speciellen Fall ein Officier vom Ehrengerichte zur Entlassung mit schlichtem Abschiede genötigt werde, weil er sich als principieller Gegner des Duells erklärt. Es ist durchaus kein Grund vorhanden, daß ein Officier, der einen solchen Standpunkt einnimmt, entlassen werde. Das bayerische Kriegsministerium hat in dieser Hinsicht eine Änderung der betreffenden Ehrengerichtssatzungen verfügt und so ist der Weg angebahnt, daß das Duell in der bayrischen Armee allmählich zu den Seltenheiten gehören wird.“ —