Das Venedig vom Canal grande ist wesentlich verschieden von dem in den Mercerien. Das bunte Durcheinander, das hier herrscht, contrastiert lebhaft mit der majestätischen Ruhe des eleganten Viertels.
Der General machte unseren Cicerone, und es war unterhaltend, als eine Schar kleiner Gassenjungen sich vor ihm aufpflanzte und rief: „Un soldo, san Nicolo, prego un soldo“, und er verteilte lachend Kupfermünzen unter sie.
„Ma no“, ließ sich jetzt eine weibliche Stimme vernehmen, „non è san Nicolo, è il nostra Generale. Buon giorno Eccelenza.“ Es war ein bildhübsches Weib, das diese Worte gesprochen. In Fetzen stand sie da: ihr dichtes, blauschwarzes Haar fiel ihr in Strähnen über die Brust. — Die Augen funkelten und in der Haltung des Kopfes lag etwas von einer Königin.
An allen Ecken, und wo es angeht auch unter den Toren stehen Orangenverkäufer, Zeitungsausrufer, Blumenmädchen. Ein sich gegenseitig Überschreien, ein Anpreisen der Waren, ein Handeln und Gemurmel: ein ohrenzerreißender Lärm.
„Il secolo“ — „popolo romano — tre rose per una mezza lira — ma compra — belle arranci, fresche, dolci — il giornale di Milano“ und dazwischen das Gebell der Karrenhunde, das Schäppern der kleinen Marktwagen.
Um in dieser Gegend zu wohnen, muß man wirklich gute Nerven haben: ich glaube auf die Dauer hielte ich das nicht aus.
Der General führt uns in ein stilleres Seitengäßchen, wo die Antiquare ihre Buden aufgeschlagen haben. — Es gibt da Prachtstücke, an denen man sich gar nicht satt sehen kann. Besonders reich vertreten sind die eingelegten und geschnitzten Truhen, Goldstickereien und Miniaturen. Eine, die mir besonders gefiel, hab’ ich erstanden. Eine Frau in Empirecostüme, ein schlankes Figürchen mit einem Paar großer flehender Augen. Zwischen Daumen und Zeigefinger hält sie einen Schmetterling. Die Inschrift auf der Goldleiste des Rahmens hab’ ich erst später entdeckt. In winzig kleinen Lettern steht darauf: „Puisse l’excès de mon amour fixer le volage.“ Eine kleine Fürstenkrone daneben.
Ich war entzückt über meine Entdeckung und zeigte dem Grafen das Bild. Da schien mir’s, als ob eine seltsame Bewegung über seine Züge geglitten wäre. — — — „Ja, ja, — ist jetzt vorbei — vergeht so schnell das Leben, wie? Kaum daß man vernünftig geworden, ist es aus.“ — Und um sich blickend: „Alte Kunstschätze und moderne Menschen. Junge Menschen, wie? — — Ah ja, ja, das Alte taugt nichts, das muß fort. Immer Neues drängt zum Licht, muß sich frei bewegen können. Ist natürlich. Bei mir wird’s auch nicht mehr lang dauern, wie?“
„Aber sprechen Sie nicht so,“ bat die Tante, und mir wurde ganz weh ums Herz. Vom ersten Moment an hat er sich meine Sympatie erworben, und ich weiß, daß wenn er gienge, es eine Lücke bilden würde in meinem Leben. Du lieber, alter General! Was macht’s, daß die Jahre sich mit Runenschrift in Deinen Zügen eingegraben, tiefe Furchen gezogen haben, der Kreuz und Quere: bis an Dein eigentliches Wesen ist die zerstörende Zeit doch nicht gedrungen. Noch immer stehst Du da, so unbeugsam und wetterfest wie eine Eiche, die den Stürmen trotzt, die stolz und sicher ihr Haupt zum Himmel hebt.
„Ein Mann, halb Engel und halb Löwe“, so hat ihn der ältere Dumas genannt.