„Ah, diese trifft sich gut.“ Die Schwestern Trevatti waren uns förmlich in die Arme gelaufen. „Wir haben uns geholt eine neue Gondelier,“ erläutert Pepi, „weil das frihere is in Liebe gefallen zu die Corona, — und die besen Zungen hier! S’is schrecklich: wir sind ganz krank. Jetzt gehen wir in die Gemalerei, weil dort sind schene Bilder — eine Porträt, was soll sein die ganze Corona.“

„Da, Signorina,“ sagt die Ältere, mir eine Rose reichend. „Diese ist von eine schene Geburt,“ fügt sie, nicht ohne Wichtigkeit hinzu.

Ich war froh, daß sich keine anderen Leute in der Nähe befanden. Der Aufzug dieser Beiden spottet jeder Beschreibung. Was man an Farben und Uniformen ersinnen kann, das laden sie auf sich. Eine buntbeklexte Palette ist nichts dagegen. So etwas tut mir in den Augen weh. Meine Überwindungskraft geht nicht so weit, daß ich mich über Derlei hinwegzusetzen vermag. Ich weiß, es ist kleinlich: die wahre Klugheit besteht darin, die Menschen zu nehmen, wie sie sind, mit ihren Schwächen und Absonderlichkeiten. Ob ich das je erlernen werde?

Nachmittag sind wir herumgefahren auf dem Meer. Es war schwül; die ganze Natur strömte eine gewisse Mattigkeit aus. Wie Gazeschleier lag es über dem Firmament und selbst die Glocken von San Marco hatten einen müden, gedämpften Klang. In all’ den Farben und Tönen eine schüchterne Weichheit, die mich so seltsam bewegte.

Und der General erzählte aus seinem Leben. — Alles war Romantik in diesem Dasein. Ich lauschte mit geschlossenen Augen. — Wie stürmisch wild da mit einemmale die See wurde! — Die Wogen brandeten, schlugen schäumend an die Gondel, warfen sie hoch in die Luft, daß sie in allen Fugen krachte. — Es war die Illustration zu der Geschichte des Greises, der an unserer Seite saß.

Seine zügellose Phantasie, sein Drang nach Erlebnissen und Abenteuern hatten ihn noch als halben Knaben hinausgetrieben in die Welt. — Allenthalben wo es Kampf gab, war er dabei. — — Pulverdampf und Kugelregen, das sind die Erinnerungen seiner Jugend. — Seit jeher empfand er besondere Vorliebe für das sonnige Italien und dort war es auch, wo zum erstenmale die Frau entscheidend in sein Leben trat. Er fand Gegenliebe bei der jungen Fürstin, der er seine Neigung widmete — die Eltern waren einverstanden und die Regierung zeigte sich hocherfreut. Dennoch gab es Mißgünstige, die diese Heirat hintertreiben wollten. Da machte er aber kurzen Proceß, nahm seine Braut in die Arme und ließ sie sich bei Fackelschein antrauen in stiller Nacht. — „Meine Division erwartete uns im Wald, wo in aller Eile ein Altar errichtet wurde und dem Bischof wußte ich plausibel zu machen, daß es seine Pflicht sei, uns die Hindernisse aus dem Wege zu räumen. — — Sie ist bald gestorben, die Arme. Ja, ja, war ein Engel, eine wirkliche Heilige.“

Tiefen Eindruck hat mir auch folgende Episode gemacht, die er uns aus seinem Schlachtenleben mitgeteilt:

„Es war im Mai 1860. Unter dem heiteren Himmel von Italien trug sich das Grauenhafte zu. Wir zogen mit tausend Helden Garibaldi’s gegen Palermo. In der Nähe des Marktfleckens Partenico erblickten wir am Straßensaume einen Leichenknäuel, und als wir näher traten, sahen wir, daß es zehn bis zwölf Bourbonensoldaten waren, an denen die Hunde nagten. Garibaldi geriet in fürchterlichen Zorn und donnerte die jubelnden Einwohner mit den Worten an: „Schämt Euch über solch’ barbarisches Treiben. Die Anhänger der Freiheit kämpften nie so; nie wüteten sie auf so unmenschliche Weise.“

Die Partenicoer hörten in tiefer Stille diesen Ausbruch der Entrüstung an. Dann trat Einer aus der Gruppe vor den General:

„Ja, wir haben ungerecht gehandelt, aber bevor Sie uns verurteilen, sehen Sie selbst, was hier geschah“, und sie führten uns in vier bis fünf Häuser, in denen eine Schar von Frauen und Kindern lag, versengt, zu Kohle verbrannt.