„Das haben die Bourbonensoldaten getan“, schrien sie. „In die Häuser trieben sie die Frauen und Kinder, zündeten sie an, bis die Unglücklichen in den Flammen starben. Wir hörten das Wehgeschrei und eilten herbei. In unserer Verbitterung vollbrachten wir den Racheakt.“
„Damals überkam mich zum erstenmale namenloser Ekel vor der Grausamkeit der Menschen, vor der Häßlichkeit des Krieges, der alle Dämonen entfesselt. Ähnliches gieng im Innern Garibaldi’s vor, wie er mir später gestand. — A ja ja, das waren Zeiten. Wie?“, und er fuhr sich mit der Hand über das weiße Haar. — „Hab’ aber noch nicht genug gehabt. Auch den 66er Feldzug mitgemacht. Weiß der Teufel, warum ich keine Ruhe hatte. Wurde am linken Arm verwundet; war eine sehr gefährliche Geschichte — hätten ihn bald amputieren müssen. Da bin ich denn gelegen sechs Monate und hab’ Zeit gehabt, nachzudenken. — Oft hab’ ich Nächte lang kein Auge zugemacht — immer eine weiße Frau an meinem Bett sitzen gesehen, die fortwährend murmelte: „Ich bin der Tod.“ — War mir nichts passiert mitten in der Schlacht und hab’ ruhig sterben soll’n im Bett, wie? — Hab’ keine Lust gehabt, — der weißen Gestalt gesagt: „Ich will leben — geh’ fort“ — dem Tod getrotzt. — Muß leben, um gut zu machen, meinem kleinen Buben andere Ideen beizubringen — ja ganz natürlich — er soll vernünftiger werden, wie sein Vater. A ja ja. — Kleiner Bub. Ist heut’ ein erwachsener, tüchtiger Mensch, der Egon. Wie? — — Schreibt den ganzen Tag — wird hoffentlich gelingen das Werk, wie?“ und ein stolzes Lächeln verklärte seine Züge.
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5. Juni.
Aus welchem Anlaß er Socialist geworden. Ob er den Standpunkt, den er heute vertritt, seit jeher eingenommen, oder ob ihm die Gegensätze früher als etwas Selbstverständliches erschienen waren? Das Alles hab’ ich Egon Deuchtestum gefragt.
„Mein Vater“ — und in diesem Worte lag große Zärtlichkeit — „hat mich in den Principien der Nächstenliebe und Gerechtigkeit aufgezogen. So viel ich mich erinnere, war es mir als Kind Bedürfnis, den Armen zu geben. Damals hab’ ich’s instinktiv getan — später aus Gewohnheit und weil es mir wirklich Freude machte. — Dabei aber ließ ich mir nichts abgehen, legte mir keinerlei Entbehrung auf. — — Ich sollte mein Freiwilligenjahr absolvieren und meine neuen Kameraden forderten mich auf, an einem Bankett, das sie veranstalteten, teilzunehmen. Ich gieng. Am Sylvesterabend war’s. Ein Wetter, daß man keinen Hund hätt’ auf die Gasse jagen mögen. Drin im Restaurant war’s behaglich warm; eine elegante Gesellschaft füllte den Raum; Alles war lustig, guter Dinge. Unser Tisch stand knapp am Fenster — — wir ließen es uns gut sein, plauderten, aßen die besten und seltensten Dinge, tranken Punsch und dann kam der Champagner an die Reihe. Ich war nie ein Freund solcher Gelage gewesen und auch diesmal nur gekommen, um nicht als Spaßverderber zu gelten.
Schon stand eine ganze Batterie geleerter Flaschen auf dem Tisch — der gewöhnliche Grad der Gemütlichkeit war überschritten. Und da kein irgendwie fesselndes Thema berührt wurde, hieng ich meinen eigenen Gedanken nach — und sah unwillkürlich durch das Fenster. — Gerade gegenüber war eine Delikatessenhandlung. Ein ärmlich gekleideter Mann stand davor und studierte die ausgestellten Leckerbissen. Die Züge vermochte ich nicht deutlich zu unterscheiden. Ein paar Minuten später trat er in unser Restaurant. — Zaghaft, mit einem so flehenden Ausdruck, den ich nie vergessen werde, näherte er sich einer Gesellschaft. Ein paar geputzte Damen rückten ihre Stühle beiseite und eine hielt ihr Taschentuch an die Nase: „Puh, dieser Geruch!“ Und ein dicker Herr rief den Kellner: „Was will der Mann hier? — Sorgen Sie dafür, daß die Besucher nicht durch solches Gesindel belästigt werden.“
„Herr, ein krankes — —“
„Nichts da — packen Sie sich fort, sonst hole ich den Wachmann“, und der Kellner drängte ihn zur Tür. — — Er wankte mehr, als er gieng. Dann ballte er die Faust — wie man es tut, wenn man einen Fluch ausstößt.
Der ganze Auftritt hatte keine fünf Minuten gedauert. — Hatte mich nun der Champagner gelähmt, mich eingeschläfert — ich verfolgte die Scene mit dem Blick des gleichgültigen Zuschauers. Erst als mein Nachbar sich über den „unverschämten Kerl“ beklagte, kam ich zu mir.