Ich nahm mir kaum Zeit, in meinen Mantel zu schlüpfen — ich eilte hinaus, dem Verjagten nach. — Seine Hand hab’ ich genommen und ihm Abbitte geleistet. — In seine elende Kammer bin ich ihm gefolgt; sein Weib und seine vier Kinder waren blau vor Kälte. Auf einem Strohlager lag das Jüngste — tot. Es war gestorben in seiner Abwesenheit. — Da hat sich der Mann über die kleine Leiche geworfen und Dinge gebrüllt, die mir durch Mark und Bein drangen. — —
„Gelt, daß die Reichen sich überfressen können, muß Unsereins arbeiten wie a Viech. — — Wir verdienen’s und sie verprassen’s. Von Mitleid keine Spur — drum hast krepieren müssen, armes Hascherl — — kein’ Doktor hab’n mehr zahlen können, und jetzt is aus. — Wahrli, man dürft’ keine Kinder haben, ’s wär’ besser für die Würmer — so an Luxus kann sich nur a Reicher gestatten. — Besser war’s, wann das ganze G’schlecht aussterbert — sollen sich dann selbst helfen, die nobligen Leut’.“
Lang hat’s gedauert, bis er zur Ruhe kam. — — Und ich stand da — und schämte mich — im Namen meiner Genossen. Es schlug Mitternacht, das neue Jahr hielt seinen Einzug. — Da hab’ ich es dem Manne gelobt in seine rauhe Hand: „Ich will für Euch kämpfen — — meine Kraft, mein Streben weih’ ich von dieser Stunde an den Unterdrückten.“
„Ich —“ — weiter kam ich nicht — Tränen erstickten meine Stimme und noch jetzt, wenn ich daran denke, zittert mir die Feder in der Hand. — — Danken wollt’ ich ihm, ihm sagen, wie gut das gewesen, und habe doch kein Wort hervorgebracht. Aber meine Tränen haben mich verraten, die sind mir unaufhaltsam herabgerollt.
Er sah mich bestürzt an. „Ich habe Sie nervös gemacht. Verzeihen Sie.“
„Sie haben mir wohl getan. So wohl.“
Der Garten, in dem wir wandelten, mit seinen dunklen Laubgängen, mit den plätschernden Fontänen, mit dem Dufte der Magnolien schien mir plötzlich so wundervoll. Der ganze Zauber des Südens stürmte auf mich ein, atemraubend überwältigend.
Wir näherten uns einer Gruppe von spielenden Kindern. Ein etwa eilfjähriger Knabe schien seinen Kameraden etwas zu zeigen, was sie offenbar sehr interessierte, denn sie reckten die Hälser und verwandten keinen Blick von ihm. Jetzt sahen auch wir es. Das kleine Monstre hatte ein junges Vöglein in der Hand, das hilflos zappelte, denn es hatte die Füße mit einem Schnürchen zusammengebunden: die Federn waren ihm teilweise ausgerupft und aus den Augenhöhlen träufelte Blut. Mir wurde ganz schwindlig bei dem Anblick. Egon war feuerrot geworden: die Stirnader trat hervor und die sanften Augen sprühten Zornesblitze. Er sagte kein Wort, sondern trat auf den Missetäter zu, riß ihm das zuckende Tier aus der Hand und versetzte ihm einen so heftigen Schlag, daß er taumelte. Aber gleich darauf hörten wir ihn höhnisch lachen.
Egon atmete tief auf: „Es war eigentlich unerlaubt — aber ich konnte mich nicht zurückhalten. Wenn ich sehe, wie man ein armes wehrloses Geschöpf mutwillig quält, bin ich nicht Herr meiner selbst. — — — — So etwas entmutigt mich auf Tage hinaus, es erregt mich so, daß ich nicht einmal schreiben kann. Alle Worte, die derbsten Ausdrücke sind mir noch zu gering. — Es ist ein so weiter Weg, den der Gedanke zurücklegt vom Augenblicke, da wir ihn empfangen, bis zu jenem, da wir ihn zu Papier bringen. — — Er verblaßt uns unter der Feder, was als Flamme aufgelodert im Gehirn, das ist nur mehr verlöschende Glut, sobald wir es niedergeschrieben.
Man möchte ja helfen — ach Gott, wie gerne — — — aber die Verzagtheit drückt uns zu Boden. Keine andere Waffe zu haben gegen so viel Roheit als diese Hände und den guten Willen. — — Nicht an die eigene Kraft glauben, an sich selbst verzweifeln. — Das Martyrium des Zweifels, der aufreibende Zwiespalt zwischen Riesenwollen und Zwergkönnen. Es ist eine Qual.“