So hatte er noch nie zu mir gesprochen: es war als fühle er das Bedürfnis aus sich herauszutreten, einer teilnehmenden Seele sein „Ich“ zu enthüllen.

„Ich bin sicher, Sie werden es zu Stande bringen.“

„Sie glauben wirklich?“ — Er sagte es ganz freudig, „Ach, wenn Sie recht behielten. — Bisweilen denke ich ja selbst: Es muß mir gelingen. Ein Schrei, der aus dem innersten Herzen kommt, muß der nicht widerhallen in den Anderen, sie bewegen, erschüttern? In solchen Momenten bin ich voll Zuversicht. Meine Arbeit scheint mir ein Kinderspiel — was ich sage, kommt mir so eindringlich, so überzeugend vor. Das ist dann Seligkeit.“

Darum also nennen sie ihn einen „seltsamen Kauz?“ — Sie haben nicht so Unrecht — wie wollen „Die“ ihn verstehen! — Diese heiße Dichternatur mit ihren 1000 Nuancen, mit dem ewig wechselten Colorit, so tief, wie das Meer, so schillernd wie das Gefieder der kleinen Colibris in den Tropen, so fascinierend für den, der sie erfaßt, wie die Musik des Südens.

„Ja, ich gestehe“, fuhr er nach einer Pause fort, „daß ich etwas wie Neid fühle gegen die Menschen mit beschränktem Horizonte. Sie sind relativ glücklicher als wir, die der Drang erfüllt, nach Neuem, Gewaltigem, nach himmelhohen Zielen. Sie gleichen stillen, durchsichtigen Wässern, ohne brausende Wogen — denn sie sind seicht. Niemals treten große Entschlüsse, mächtige Leidenschaften an sie heran, oder sie ziehen vorüber, ohne sie zu berühren. Sie stehen auch nie auf schwindelerregender Höhe, und wenn sie fallen, wird ihr Sturz ein sanfter sein. — — Freilich — es entgeht ihnen auch viel Schönes. Ein reicher Teil ihres „Ich“ bleibt ihnen verborgen — sie ahnen nicht einmal die eigene Genußfähigkeit. Niedere Gewächse, die im Schatten auf der Erde weiterkriechen, ohne glühende Farben, ohne berauschenden Duft. Kein Sonnenstrahl zieht sie zu sich empor: sie wissen nicht, wie lieblich der blaue Himmel ist, wie berückend der schwüle Sommer.“

Er ist ein Adler, die Anderen sind Schnecken. Ihn tragen seine Flügel weit — — wenn ich ihm folgen könnte!

Und wie richtig er die modernen Menschen definiert hat. — Ein Bekannter schrieb ihm einmal: „Ich kann das Gefühl nicht los werden, daß Einer hinter mir dreinjagt auf feurigem Rosse. Ich höre ihn atmen — er kommt immer näher mit rasender Geschwindigkeit, und da laufe und laufe ich, solange mich meine Füße tragen.“ — Und an dieses Gleichnis hat er angeknüpft: „Ja, es ist wahr, man möchte zehn Dinge auf einmal erledigen — die Tageszeit verdoppeln. Es gäbe so unendlich viel zu tun gerade in unserem Jahrhundert, dessen charakteristisches Merkmal ein ununterbrochenes Hasten und Drängen ist. Diese ewig vibrierenden Nerven, dieses heiße Streben, diese wechselnden Stimmungen, bald zuversichtlich zum Aufjauchzen, bald verzagt bis zur Verzweiflung. Selten ein Augenblick wirklicher Ruhe, inneren Gleichgewichts. Leben wir denn jemals in der Gegenwart? Unser Geist eilt stets voran, der Zukunft entgegen, schwingt sich in lichte Sonnenhöhen. — In unsren Träumen Götter, und beim Erwachen — Menschen, Spielball des Schicksals, so armselig und so nichtig. — Dann machen wir uns mit einer Art Galgenhumor daran, das eigene Ich zu analysieren; mit dem Blicke des unparteiischen Kritikers die verborgensten Winkel unsrer Seele zu durchstöbern, und was wir mit dem freien Auge nicht sehen, das entdecken wir sicher durch das Mikroskop. — Wir quälen uns unbewußt — auch das hat seinen herben Reiz: es ist die Lust der Qual.

Wenn wir dann erschöpft mit heißem, schmerzenden Kopfe innehalten, wenn die Reaktion eintritt, die betäubende Ermattung, dann fragen wir uns: „Wozu dies Alles?“ — Für die Überreiztheit, für die Compliciertheit des heutigen Geschlechtes fehlt uns der richtige Ausdruck.“

Stundenlang könnt’ ich ihm zuhören, wenn er spricht. Alles, was er sagt, hat ein eigenes Interesse für mich, und dann schmeichelt es auch meiner weiblichen Eitelkeit, daß er sich so ausschließlich mit mir befaßt.

Die jungen Damen warfen mir zuerst mißgünstige Blicke zu, dann änderten sie plötzlich ihr Benehmen. Sie machen mir jetzt Avancen, besuchen mich, laden mich ein und lassen so ganz obenhin die Bemerkung fallen, ob denn Graf Deuchtestum nirgends hingehe, weil man ihn nie zu sehen bekommt in der Gesellschaft.