Ich sehe sie noch deutlich vor mir. Eine trotz ihrer siebenzig Jahre stolze, aufrechte Erscheinung, mit edlen, entschiedenen Zügen, deren Ausdruck, je nach Gelegenheit, zwischen unbeugsamer Starre und fast kindlicher Weichheit wechselte. Wo sie ging und stand, begleitete sie ihr Schlüsselbund: sie trug dies Abzeichen ihrer Würde mit einem gewissen Stolz, wie der Herrscher seine Krone. Sie teilte selbst die Vorräte aus und liebte es, in der „Speise“ eine ungestörte Viertelstunde zu verbringen, um die Güte des Proviantes zu erproben, um zu „kosten“. Es waren nicht immer „Mäuse“, die Unfug anrichteten unter Mandeln und Rosinen!
Gieng Großmama spazieren, trug sie sich seltsam genug, in der Art des vorigen Jahrhunderts. Ein breitkrämpiger, helmartiger Strohhut, darüber um das Kinn gebunden ein dünnes Wolltuch, in der Hand einen massiven Schirm, den Griff nach unten gekehrt, den sie bisweilen drohend schwang wie eine Keule. Die hellen Glacéehandschuhe waren stets nachlässig übergestreift, so daß die halben Finger frei blieben und wie abgebundene Würstchen aussahen. Die Füße steckten in viel zu großen Überschuhen und es geschah gar häufig, daß der eine mit ins Freie zog, während sein Bruder mit betrübter Miene aus irgend einer Ecke hervorguckte, in Gesellschaft eines Taschentuches, das, mit vierfachem Knoten versehen, eine prächtige Nachthaube abgegeben hätte.
Mit der Dienerschaft verkehrte sie nie anders, als: „Hat der Kutscher den Wagen geputzt?“ — „Geh’ der Gärtner augenblicklich an die Arbeit“ und das in einem Ton, der von vornherein jeden Widerspruch ausschloß.
Ihr Mann war der „liebe Ferdinand“ und wagte nicht, sie anders anzureden als „Mylady“. Bei Meinungsverschiedenheiten zog er regelmäßig den Kürzeren und mußte sich mit dem bescheiden, was der Gattin nicht behagte. Ein Feld zum Beispiel, auf dem der Weizen schlecht stand, war „Dein Feld“, eine Allee hingegen mit schönen reichtragenden Bäumen war „meine Allee“. Er aber ließ sich dadurch die Laune nicht verderben. Unglaublich rüstig für sein hohes Alter stand er schon um 6 Uhr auf, ging auf die Jagd, aß für Zwei und war unermüdlich im Erzählen alter Anekdoten. Man kannte die Geschichten Wort für Wort, wußte die genaue Reihenfolge und wehrte sich aus Leibeskräften. Es war, als säße er auf einem Birnenbaum und beutle so lange, bis die Darunterstehenden mit Früchten überschüttet waren. Darum hieß es immer: „Birne so und so viel oder Waldberg“, „König von Hannoverbirne“.
„Also; wißt Ihr die Geschichte, wie ...?“
Einstimmiger Chor: „Ja, o ja.“
„No, wie geht sie?“
Jemand erzählt den Anfang.
Kleine Pause. Aufmunternd zu mir gewandt: „Mimi, weißt Du’s auch?“
„Nein, Großpapa.“