Hannerl verdaute die Geschichten schwer, besonders die von der „grauen Frau“ und den „geschluckten Nasen und Ohren“. Sie fuhr des Nachts in ihrem Bette auf und schrie um Hilfe, bis Pauline Licht entzündete und sie beruhigte.
Mir gieng es einmal auch nicht besser. Auguste und Pauline waren zu einem Fest ins Dorf gegangen und das Nebenzimmer blieb leer. Ich trachtete zu schlafen: vergeblich. Dort in der Ecke knisterte es; ich hielt den Atem an — gewiß, ich täuschte mich nicht. Ich hörte eine Zeitlang nichts, als das laute Klopfen meines Herzens. .. Waren das nicht Schritte? Und jetzt ein Stöhnen, ganz deutlich. Abermals. ... Ich steckte den Kopf unter das Kissen, aber die Angst nahm nicht ab. Ich hielt es nicht länger aus. Suchend tastete ich nach den Zündhölzchen und atmete erleichtert auf, als der Lichtschein das völlig leere Zimmer beleuchtete. Ich hätte also ruhig sein können, aber der Schlaf war mir vergangen; ich sehnte mich nach Gesellschaft, nach Aussprache, warf das Nachtgewand über und begab mich zu Hannerl. Die schnarchte fest. Ich rief sie an, rüttelte, zupfte sie am Ohr, alles umsonst. So wartete ich eine Viertelstunde: dann dauerte es mir aber doch zu lange: ich machte kurzen Proceß, hob die Decke auf, schob Hannerl an die Wand und legte mich an ihre Seite. Endlich schien sie zu merken, daß es nicht mit rechten Dingen zugehe. Sie brummte etwas Unverständliches und als ich ihr in Kürze den Sachverhalt schilderte, erwiderte sie mürrisch: „So geh’ doch schon, ich will ja schlafen.“ Dazu entschloß ich mich aber erst, als die Ausflüglerinnen bei anbrechendem Morgen heimkehrten.
Mit meinem Mut war es überhaupt nicht weit her. Jedes Geräusch, jede fremde Gestalt, ja jeder bellende Hund jagte mir Schrecken ein. Es erfuhr nie eine Seele, was ich bei den Abendspaziergängen mit Papa ausstand. Wenn die Erlen rauschten, das Käuzchen klagend schrie und die Dämmerung die Gegend in dunkle Schleier hüllte, da kam die Furcht, das bange Erwarten etwas Schrecklichen über mich.
Besonders vor einer Stelle graute mir. Papa hatte uns gesagt, es sei die Wolfschlucht, in der mit Samiels Hilfe die Kugeln gegossen wurden. Ich blickte scheu zum Himmel. Wenn jetzt plötzlich die wilde Jagd durch die Lüfte gesaust käme, dann müßte man auf die Knie fallen, das Gesicht auf die Erde drücken und ein Vaterunser beten. „Papa“ — ich klammerte mich an ihn.
„Was hast Du denn?“
„Aber siehst Du denn nicht? — Dort, hinter dem Baum, Du auch nicht, Hannerl?“ Statt aller Antwort hing sie sich zitternd an den andern Arm Papas. „Ein Mann mit braunen Locken, ein Barett auf dem Kopf. Hohe Stiefel, ein Gewehr umgehängt .. ein Wildschütze.“
„Ja, ja, ich hab’ Dir’s immer gesagt!“ bestätigte Papa, dem unsere Angst wohl Spaß machte. Meine erregte Phantasie spiegelte mir die verschiedensten Erscheinungen mit solcher Deutlichkeit vor, daß ich steif und fest glaubte, die Dinge wirklich gesehen zu haben.
„La baronne c’est un paquet de Nerfs“ hatte sich einmal Madame Berger über meine Mutter geäußert. Ich hatte bereits, ohne es zu wissen, die traurige Erbschaft angetreten. Wenn Großmama schlürfend Thee trank und an einer Honigsemmel saugte, als wäre es eine furchtbar zähe Masse, zuckte es mir in allen Gliedern. Ich preßte die Fingernägel ins Fleisch, biß mir die Zunge wund und konnte es nicht erwarten, daß sie fertig war. Dieselben Qualen litt ich, wenn Jemand eine Thüre heftig zuschlug, hustete, sich räusperte. Da lief ich unter irgend einem Vorwand aus dem Zimmer, ballte die Fäuste, stampfte mit den Füßen und weinte Wuttränen, bis ich mich erschöpft und erleichtert fühlte.
Natürlich ahnte niemand etwas von diesen anormalen Zuständen, denn ich hütete mich wohl, etwas zu verraten. Man hätte mich ausgelacht, gestraft oder zu einem Arzt geführt und jede dieser Aussichten war mir schrecklich. Das Verspotten fürchtete ich vielleicht am meisten. Madame Berger benützte jede Gelegenheit, mir kleine Hiebe zu versetzen. „La petite a l’air d’une cigogne.“ War das wirklich wahr? — Von diesem Moment an wußte ich nicht, was mit meinen Armen und Beinen beginnen; meine Bewegungen nahmen etwas Linkisches, Steifes an, das an die Darstellungen der Altegypter gemahnte und mir vielleicht wirklich eine Storchähnlichkeit verlieh.
O ich war empfindlich! Seit einmal Großmama aus Zerstreutheit frug: „Du, wer ist denn das?“ redete ich nur in einer „selbsterfundenen Person“ mit ihr. „Bitte, das meinen?“ „Bitte, vorlesen“ u. s. w. Alle Vorstellungen vermochten nichts daran zu ändern; ich hätte mir lieber die Zunge abschneiden lassen, als je wieder die alte, vertrauliche Ansprache anzuwenden. Überhaupt, sie imponierte mir und verstand es vorzüglich, alle Welt in gemessener Entfernung zu halten. Sie war in ihrer Art eine Großmacht und hing mit allen Fasern ihres Seins an der Regierung. Nie und nimmer hätte sie einen Eingriff in ihre Rechte als Herrin des Hauses geduldet.