Ein fremder, vornehm aussehender Herr war auf Besuch gekommen, doch nur eine Stunde lang geblieben. Tante Laura gieng eine zeitlang blaß und verweint umher und verschloß sich dann ganz auf ihrem Zimmer. Wenn Papa nach ihr fragte, meldete sie sich krank. Er schüttelte unwillig den Kopf, ergriff Hut und Stock und gieng in den Wald hinaus. Er war reizbar, leicht ungeduldig, in denkbar schlechter Laune.

Meine kindliche Neugier war auf das höchste gespannt: eines Abends stellte ich mich schlafend und hörte, wie Fräulein Auguste und Pauline mit einander flüsterten. Das also war’s gewesen! Tante Laura hatte eine Liebe im Herzen getragen — aber eine hoffnungslose Liebe — denn der Mann ihrer Wahl war ein Jude gewesen und gegen eine solche Verbindung sträubte sich die Familie mit allen Mitteln. Vor wenigen Tagen nun war die Nachricht gekommen, daß er im Duell gefallen sei.

Wie nichtig schienen mir die eigenen kleinen Sorgen im Vergleich zu diesem Schmerz. Hätte ich zu ihr eilen, sie umfassen, mit ihr weinen dürfen! Nicht helfen können!

Und die Großeltern hatten es nicht zugegeben, nur aus dem Grunde, weil er ein Jude war. Die hatten Christus an’s Kreuz geschlagen: doch das war lange her. 2000 Jahre. Und er mußte dafür büßen! Nein, das konnte der gerechte Gott nicht wollen! Und schlecht war jener gewiß nicht gewesen, sonst hätte ihn die arme Tante nicht so geliebt. Jetzt war Alles vorbei. Oh, Tante Laura, das hast Du nicht verdient!

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Eine ältere Dame, Madame Berger, die Erzieherin der Tanten gewesen, und die schöne Jahreszeit in Steindorf verbrachte, erteilte mir auf Großmamas Wunsch Klavierunterricht. Ich mußte bei den Anfangsgründen beginnen und langweilte mich schrecklich dabei. Meine Unaufmerksamkeit erboste die Lehrerin; bei jedem falschen Ton versetzte sie mir einen Klaps mit ihren spitzen, gichtischen Fingern. Oft mußte ich denselben Takt zwanzigmal wiederholen und wünschte Madame sammt dem Klavier zum Kuckuck. Da ich keine Spur von Lust fühlte, blieben natürlich auch die Fortschritte aus. Ich liebte die Musik, aber nur, wenn sie einschmeichelnd, melodienreich mein Ohr berührte. Papa spielte schön: Großmama und ich saßen allabendlich auf dem runden Kanapee beisammen und hörten zu. Gar häufig legte sie die Zeitung beiseite und wischte sich unter dem Augenglase eine Träne weg: ihr Blick ruhte dann mit unaussprechlicher Zärtlichkeit auf dem blonden Kopfe ihres Ältesten und Lieblings.

Aber Madame Berger, die kleine, geschäftig herumtrippelnde Person sollte lieber „de petits corsets de batiste nähen.“ Sie litt an der fixen Idee, daß man nur handgenähte Dinge tragen könne: Maschinenarbeit war „Schlamperei“.

Gewöhnlich erstarb sie in Liebenswürdigkeit; allein mit mir, nahm sie sich kein Blatt vor den Mund. Ich aber konnte sie nicht leiden und war auch nicht ganz so arglos wie „die berückende Frau“ meinte. Ein schlauer Fotograf hatte ihr diesen Bären aufgebunden und sie so veranlaßt, einige Dutzend Bilder zu bestellen. Sie machte allen Ernstes trotz ihrer sechzig Jahre und des Hexengesichts noch Anspruch auf Schönheit und kokettierte mit den Herren. Mit „Don“ einer engelsguten Haut, dem Gesellschafter Großpapas geriet sie häufig in Conflikt, weil er ihr mit rührender Offenheit die derbsten Wahrheiten sagte. Das aber vertrug sie nicht.

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Großmama verordnete mir kalte Waschungen und wies Auguste eigenhändig an, wie sie meinen Rücken behandeln müsse. Sie nahm ein ellenlanges Stück Rosenseife zwischen Daumen und Ringfinger und fuhr dreimal mit der scharfen Kante sehr energisch über die Wirbelsäule. Dann rieb sie mich mit Handtuch und Nägel trocken. Das kitzelte abscheulich, gerade so wie beim „Geschichten“ erzählen. Da setzten Hannerl und ich uns auf Schemeln zu ihren Füßen und sie hielt unsere Hände fest. Im Anfang streichelte sie sie leise, im weiteren Verlauf der Erzählung aber, wenn sie in Affekt geriet, oder gar Räuber vor uns aufmarschieren ließ, bohrte sie sich förmlich mit den Fingern in die Innenflächen ein, und krabbelte und kitzelte solange, bis wir uns vor Lachen schüttelten.