Sie schien indes nicht besonders erbaut über meine häufigen Besuche, denn ich begnügte mich nicht, den Gesammteindruck ihres reizenden Heims mit Kennerblicken zu genießen; sie mußte mir die Albums, die Schachteln mit den Bändern und Muscheln zeigen und mir gestatten, ab und zu etwas besonders „schön“ zu finden, was dann regelmäßig in mein Eigentum übergieng.
Hannerl war furchtbar ungeschickt beim Nähen. Ein paarmal versuchte sie es, dann nahm sie die Haltung eines störrischen Maultieres an: Ich reizte sie. „Hannerl, Du bist doch schrecklich dumm. Eigentlich will ich gar nicht Deine Freundin sein.“
„Dann laß nur bleiben. Ich mach’ mir nix aus einer Baroneß.“
Ich fühlte mich beleidigt: das sollte sie bereuen. Es fand sich noch am selben Tage Gelegenheit, ihr eine Kränkung zuzufügen. Wir erhielten Besuch aus der Nachbarschaft; mein Vetter Robert und der zehnjährige Alfons, Sohn des Fürsten Weitzperg schlossen sich uns an. Auguste saß abseits und wir spielten Verstecken, ohne von Hannerl die geringste Notiz zu nehmen. Sie war einfach nicht für uns vorhanden; wir behandelten sie als Luft und sprachen zur Verschärfung der Situation nur französisch. Dabei wußte ich es so einzurichten, daß sie ihren Namen hören, und verstehen mußte, daß ich nur Häßliches von ihr sagte. Als ich das Wort „Ochsenknecht“ — diese Stelle hatte ihr Vater bekleidet, fallen ließ, schleuderte ihr Robert ein „Pfui, wie gemein“, in das Gesicht. Hannerl wurde über und über rot und große Thränen traten ihr in die Augen. Da stieg es wie Scham und Mitleid in mir auf, aber ich zeigte nichts davon und spielte weiter.
Als Alfons sich verabschiedete, pflückte ich eine schöne Rose und gab sie ihm mit dem Bemerken: „Für Deine Mutter.“ Die Hand, die sich nach der Blume ausgestreckt, zitterte: „Ich werd’ sie auf den Friedhof tragen.“
Das hatte ich vergessen und um meine Ungeschicklichkeit zu bemänteln, frug ich: „Du hast sie wohl gern gehabt?“
„Sehr.“
Es wollte keine rechte Unterhaltung mehr in Gang kommen, zwischen Robert und mir. Ich schlich mich an Hannerl heran und schüchtern ihren Arm betupfend, bat ich: „Sei nicht bös Hannerl, es war nicht so gemeint.“ Sie lächelte schon und wir besiegelten unsere Versöhnung durch einen herzhaften Kuß. Robert meinte, so etwas sei unschicklich, ich dürfe nicht vergessen, daß ich „Baronesse“ sei. Doch das Gute hatte in mir gesiegt und behielt die Oberhand.
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Es lag irgend ein Geheimnis in der Luft.