Madame Berger begegnete mir von diesem Tage an mit so unterwürfiger, katzenartiger Liebenswürdigkeit, daß ich nur staunte.
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Drückende Schwüle lag auf der Erde. Nun empfand ich doch etwas wie Mitleid mit den Knechten auf dem Felde, die in rastlosem Fleiße Garben aufbanden, während die Sonne glühend heiß auf ihren Scheitel brannte. Nein, ich wollte nicht mehr tauschen. Es hatte doch sein Gutes, „Baroneß“ zu sein. Endlich erhob sich ein kühles Lüftchen. Ich nahm den Hut ab und ließ es über Haar und Stirne wehen; eine wahre Wohlthat. Im Westen ballten sich schwarze Wolken zusammen, und die Schwalben flogen so nieder, daß ihre Flügel die Erde streiften. Aus dem Teiche drang das Schluchzen der Unken und ein Libellenpaar kreiste müde über dem ruhigen Spiegel.
Es rauschte leise in den Zweigen und die kleine „Werner Pepperl“ lockte mit eintönigem Ruf die Hühner, um sie vor Beginn des Gewitters in Sicherheit zu bringen und der alte Gänserich trieb mit Geschnatter seine Damen heim.
Der Himmel verdüsterte sich immer mehr und wir flohen ins Haus. Bald folgte Blitz auf Blitz, Donner auf Donner. Feurigen Schlangen gleich fuhr es am Himmel hin und das dumpfe Poltern brach sich in ohnmächtiger Wut an den alten Mauern, daß es laut widerhallte. Entsetzt schloß ich die Läden und stammelte ein Gebet um das andere. Das Unwetter wütete die halbe Nacht hindurch. Es hatte sich zudem ein Sturm erhoben; er rüttelte an den Fenstern, fuhr heulend um die Ecke und sang im Schornsteine schauerliche Lieder. Es war die Strafe Gottes für meine Sündhaftigkeit: jetzt und jetzt mußte das Schloß zusammenstürzen und uns unter seinen Trümmern begraben. Ich besprengte mich mit Weihwasser, erweckte Reue und Leid, schlüpfte in die Pantoffeln, hüllte mich fest in meine Decke und forderte Fräulein Auguste auf, gleich mir ihre Seelenrechnung zu machen. Als sie mich aber in diesem seltsamen Aufzug erblickte, brach sie in ein so schallendes Gelächter aus, daß ich mich entrüstet entfernte, um allein zu sterben.
Der Tod kam nicht, wohl aber sein Bruder, der Schlaf. Er strich mir sanft über die Schläfen und nahm mich mit sich ins Reich der Träume:
Die Gestalt des dicken Verwalters tauchte vor meinem geistigen Auge auf: bei jedem Schritt taumelte er so, daß man meinte, er müsse umfallen, aber er verlor doch nie das Gleichgewicht. Er lehnte sich ans Billard und erzählte, daß die Bauern einen Grenzstein verrückt hätten: „Mein Jott, ich sach’s ja immer, ’s jiebt so jefährliche Menschen“, dabei rutschte das Billard und er lag der Länge nach da. Auguste hob ihn auf und ließ ihn auf einem Seile tanzen. Fly bellte. Er sagte: „Weil der Mond scheint“ und begann zu singen: „Juter Mond, Du jehst so stille“. Auguste meinte, er solle keinen Unsinn treiben, ihr sei eine „jut jebratene Jans“ viel lieber, worauf er sie zu einem fetten Schinken einlud: „Meine Vorratskammer is jerade jefüllt.“ — „Von unjerechtem Jute, alles jekrippst von der Herrschaft“, kicherte Auguste. Dann riß sie so heftig am Seil, daß er stürzte. Ich verspürte einen Ruck und erwachte an ungewohntem Orte, auf meinem Bettteppich. Als ich Auguste den Traum bis in die kleinsten Einzelheiten erzählte, nannte sie mich geärgert ein „überspanntes Ding“. Gesunde Kinder hätten keine solchen Träume.
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Robert und ich stellten lebende Bilder dar. Ich öffnete mein Haar, daß es mir wie ein Mantel über die schmalen Schultern fiel, schlang wilden Wein darum und legte mich mit geschlossenen Augen ins Gras. Dornröschen schlief. Der Prinz war in einen großkarrierten Plaid gehüllt und eine Pfauenfeder schmückte sein dunkles Sammtbarett. Er nahte schüchtern, kniete vor mir nieder, küßte mich und ich erwachte.
Hannerl war aufgelöst vor Entzücken, obwohl seine Hoheit sie keines Blickes würdigte. Für ihn gab es eben nur „Prinzessinnen“, das hatten ihm seine Tanten schon an der Wiege gesungen.