„Ein Aff’.“
Großmama kannte diese Art der Unterhaltung und fand sie äußerst unpassend. Mir hingegen bereitete es großen Spaß, zuzuhören. Ich saß bei den Mahlzeiten neben ihm und lachte mich halb krank über seine unvermittelten Ideensprünge. Sagte Jemand: „Das ist bequem“, murmelte er vor sich hin: „Madame sans gêne“, oder irgend etwas Ähnliches und fixierte dabei völlig geistesabwesend eine Person aus der Gesellschaft. War es Tante Nilla, so zog sie geärgert die Augenbrauen in die Höhe und warf ihm einen vernichtenden Blick ob solcher Kühnheit zu. Auf Auguste war sie, seit der Verwalter ihr eine Nußtorte gesandt, nicht mehr gut zu sprechen. Selbst kühl bis ans Herz hinan, haßte sie Alles, was nach Verliebtheit schmeckte.
Endlich kam der Namenstag. Ich konnte es kaum erwarten: als es aber hieß: „Jetzt“ zierte ich mich mit einemmale. Jene Schüchternheit befiel mich, die mit dem Bewußtsein, daß „ein Ereignis“, „etwas Vielbesprochenes“ bevorstehe, in Verbindung war. Dabei empfand ich ein physisches Unbehagen, das mir jeden Genuß bedeutend schwächte. Aller Blicke waren auf mich gerichtet, wie peinlich; ich unterschied nichts deutlich, nur im bunten Durcheinander wie Farbenkleckse auf einer Palette. Erst als ich mit Hannerl allein war, kam meine Freude zum Durchbruch. Wir vergnügten uns mit der Betrachtung der Geschenke und ich war in lustigster Stimmung, bis Madame Berger mir sagen ließ, ich möge in einer halben Stunde zu ihr kommen. Diese Ankündigungen versetzten mich jedesmal in helle Verzweiflung und ich erforschte mein Gewissen, ob ich nicht wieder etwas „angestellt“ hätte und Strafe bekäme.
Nein, ich täuschte mich: sie teilte mir blos mit, daß sie „du raisin“ für mich bestellt und daß er morgen bestimmt eintreffen müsse. War das eine Erleichterung!
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Großmama nahm uns in die Garderobe mit, damit wir ihr halfen, Bettwäsche zu verteilen. Öffnete man die laut kreischende Eisentüre, so drang Einem der anheimelnd feuchte Moderduft einer längst vergangenen Zeit entgegen. Eine Spinne machte geschäftig die Runde ihres schwanken Netzes, und an den vergitterten Fenstern kletterte dunkler Epheu empor, in dem die Tauben ihre Nester bauten.
Der massiv geschnitzte Leinenschrank nimmt ein Drittel des Raumes ein: an der gegenüberliegenden Wand steht ein Bücherbrett; die Einbände weisen meist farbiges Papier mit steifen Blumensträußchen auf; Großmamas Jugendbibliothek. In scheuer Andacht stehe ich davor und wage kein einziges zu berühren. Wie lange das her war! Noch viel, viel länger als die lebensgroßen Bilder im gelben Salon. Damals war Großmama Braut. Über hellgrauem Rock ein Überwurf aus schwarzem Sammet, wie es Mode war. Der überschlanke junge Hals ist etwas entblößt und lange blonde Locken umrahmen ein sanftes blühendes Gesicht. Ihr gegenüber Großpapa im Jagdkostüm, eine männlich-schöne, elegante Erscheinung. Zwei bildhübsche Menschenkinder, wie für einander geschaffen! Und sie so reden zu hören! Keine Spur von Verweichlichung. Ohne Umhülle, ganz echauffiert vom Tanze, direkt aus dem Ballsaal hinaus in die kalte Winternacht und lustig herumspaziert in dünnen Atlasschuhen, weil es so reizvoll war, durch die leeren Straßen zu wandeln, wenn Alle schliefen.
Sie hielt ein Stück blaßgrünen goldgestickten Brokates gegen das Licht. Es war ein Kleid meiner Urgroßmutter und an einzelnen Stellen von Motten durchlöchert. Mir gieng ein Frösteln durch die Glieder. Dieses Stück Stoff, sonst war nichts von der Frau geblieben, die doch gleich uns geatmet, gelebt hatte. Er spann wie ein Mysterium zwischen der Toten und meinem Gehirne. Etwas Unbeschreibliches erfaßte mich in dem kühlen dämmerigen Raum; es legte sich mir drückend, zentnerschwer aufs Herz und ich wurde es lange nicht los.
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Papa, Auguste, Hannerl und ich, wir machten in aller Morgenfrühe einen Ausflug auf die „Tannenhöh“, die berühmt war wegen ihrer wundervollen Aussicht.