Es hatte tagszuvor geregnet und die Erde strömte feuchte Dünste aus. Die aufgehende Sonne wob Strahlennetze über die blühenden Wiesen und die dunklen Brachfelder. Zarte, bald lila, bald mattrosa Schleier umflatterten die fernen Berge und am Himmel wogten weiße Wölkchen dahin wie eine Heerde Schafe.

In den Dörfern spielten die Kinder auf der Straße. Sie schleiften alte, mit Sand gefüllte Schachteln hinter sich her und ihre Züge spiegelten jene Lust am Leben wieder, jenen Stolz, so schöne Sachen zu besitzen, wie er nur diesem Alter eigen ist.

Eine Schaar Kühe tummelte sich auf der Weide. Die bereits Satten lagen auf der Erde, wiederkäuend im Grünen, mit großen, ausdruckslosen Augen.

Der Postmeister eilte an uns vorbei, die gefüllte Ledertasche auf dem Rücken, eine ellenlange Pfeife im Mund. Tag für Tag gieng er denselben Weg, schon vierzig Jahre lang. Wie eintönig! Und doch habe ich ihn nie anders als heiter gesehen, mit sich und seinem Los zufrieden. Eine genügsame, anspruchslose Natur, die Haß und Neid wohl nur vom Hörensagen kannte. Bisweilen erzälte er, wie das und jenes früher war, Manches besser, Manches schlechter und seine Anschauungen waren merkwürdig richtig für einen Bauer, der sein lebenlang Briefe abgestempelt und in seinen Mußestunden das Schusterhandwerk betrieben. Er trug sein Alter mit Frohsinn und Würde; der energische Gang und das schneeweiße Haupt verliehen ihm etwas Strammes und Rührendes zugleich.

Unser Weg führte uns durch einen prächtigen Buchenwald. Eine Unzahl Schwämme bedeckten den Boden und Cyclamen blühten hier und dort zerstreut. Nun hatten wir unser Ziel erreicht, einen auf der Anhöhe befindlichen Vorsprung, dicht umwuchert von Brombeer und Berberitze, von dem aus man die Gegend im weiten Umkreis übersah. Papa richtete uns das Fernrohr zurecht und wir erkannten in voller Deutlichkeit Steindorf und alle Nachbarschlößer. Ein großartiger Anblick ohne Zweifel, aber so weit, so grenzenlos, als sei es nicht mehr „wahr“. Angesichts dieser Unendlichkeit stand mir der Atem still.

„Warum sagst Du denn nichts? — Mir scheint, Du hast keinen Sinn für Natur?“ frug mich Papa.

Was sollte ich darauf erwidern? Wie die undeutlichen Begriffe schildern, ohne konfuses Zeug zu reden. Jeder nach seiner Art. Die Hunde bellen den Mond an. Weshalb tun es die Menschen nicht? Der Italiener spricht anders wie der Schweizer — der Eine redet viel, der Andere wenig. Und kann ein Kind nicht auch seine eigenen Gedanken haben? Sprechen ist nicht immer nötig; Schweigen hingegen fördert das Gefühl. Freilich, es gibt Leute, die das nicht begreifen. Da heißt es dann gewöhnlich: „Warum sprichst Du nicht?“ „Weshalb bist Du so still?“, als ob sich das mit einem Worte definieren ließe. Törichtes Beginnen, das Meer in eine Nußschale füllen zu wollen.

Im Gasthaus zum „goldenen Löwen“ — einen goldenen Löwen gibt es nämlich überall — nahmen wir mit wahrem Heißhunger ein ländliches Mahl ein. Dann kletterten wir über die steile Bodentreppe und wälzten uns im duftenden Heu, das die Scheune fast bis zur Decke füllte.

Die Nacht verbrachten wir in Sahning und ich durfte mit Hannerl in einem Zimmer schlafen. Wir wollten rechten Unfug treiben, schliefen aber schon beim Abtrocknen ein. Ich hörte noch wie Hannerl quiekte und schrie, als Auguste sie in das große Wasserschaff steckte, war aber viel zu müde, um mich wie sonst an ihrem spündeldürren Schatten zu ergötzen.

Nach gesundem, erquickendem Schlummer besuchten wir die alte Wallfahrtskirche des Ortes. Mit ihren zwei Türmen ragt sie stolz und selbstbewußt in die Höhe, als könne sie Wunderdinge erzählen. Aus aller Herren Länder pilgern sie hierher, die Bedürftigen, die Enterbten des Schicksals, um von Maria, der mächtigen Fürsprecherin Heilung ihrer Wunden zu erflehen. Die Legende berichtet von ganz merkwürdigen Dingen: davon zeugen auch die zahllosen Öldruckbilder, die die Wände bedecken. Sie stellen die Madonna unter ihren verschiedenen Titeln dar und tragen allerlei Widmungen: „Unserer lieben Frau von der immerwährenden Hilfe, zum Danke für die wunderbar erfolgte Genesung ihres Sohnes Alexander.“ Oder blos: „Hab’ Dank, Maria“ und die Initialen der Spender. Und rings um den Hochaltar wächserne Herzen, Hände und Füße, auch ein Krückenstock und ein Lederschuh. Diese Dinge störten meine Andacht, statt sie zu erhöhen und Papas halblautes Gemurmel machte mich vollends zerstreut.