Da fiel mir Tante Laura ein, die man mit einer Gesellschafterin auf Reisen gesandt, und über die keine gerade erfreulichen Nachrichten einliefen. Es hieß, sie sei zum Erbarmen traurig, teilnamslos gegen Alles um sie her. Ich betete ein Vaterunser für sie, damit sie bald wieder ihres Lebens froh würde.
Papa schenkte Hannerl und mir einen Gulden, um in den kleinen Buden „Andenken“ zu kaufen. War das ein Vergnügen! Ach, wär’ ich reich gewesen und hätte wählen dürfen! Doch es hieß warten, sich gedulden bis der „Prinz“ käme, mich auf sein Schloß zu tragen, aus purem Edelstein. Dann wollte ich alle Buden der Welt kaufen. Robert war nur ein kostümierter „Prinz“, es mußte aber ein „echter“ sein und ich blickte mit unerschütterlicher Zuversicht in die Zukunft.
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Die schönen Tage von Aranjuez giengen ihrem Ende entgegen und ich stellte wehmütige Betrachtungen an über die Vergänglichkeit alles Irdischen. Quälende Zweifel bedrückten mich, ob ich die Vergangenheit nicht hätte besser genießen können, und wie sehr ich es in Zukunft täte, wenn es eben eine solche gäbe.
Wenn sich doch nur irgend etwas ereignen wollte, um meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben und in meinem kindischen Egoismus war es mir total gleichgültig, welcher Art diese Ablenkung sei. Eine Feuersbrunst, ein Einfall von Dieben, einerlei. Mein Wunsch erfüllte sich. Es hieß, ein wütender Hund mache die Gegend unsicher. Wie unheimlich! Ich malte mir ganze Scenen aus: Er naht, schäumend, mit weitheraushängender Zunge und glühenden Augen. Er dreht sich im Kreise, beschnuppert den Boden, kommt immer näher und näher. In grenzenloser Angst jage ich über die Felder hin, er mir nach. Keine 10 Schritte entfernt knallt ein Schuß. Es ist der Jäger. Oder aber ich klettere auf einen Baum, da würde man mich sicher nicht entdecken und ich müßte nicht mit nach Wien.
Als es ernst wurde mit der Abreise, weinte ich so kläglich, als müßte mir das Herz brechen; es half nichts, weder Trostesworte noch Versprechungen. Das Stationsgebäude starrte mir kahl und fremd entgegen und die Träger schienen mir Folterknechte. Wir setzten uns in die kleine grünverwachsene Laube und Papa bestellte eine Stärkung. Ich hielt Hannerl krampfhaft bei der Hand und verwandte keinen Blick von ihrem traurigen Gesicht, in dem ich einen Widerschein des eigenen Leides zu gewahren meinte. Dann zogen die Kastanienbäume meine Aufmerksamkeit auf sich. Solche gab es doch auch in Wien, und Häuser auch — und Menschen. — Weshalb grämte ich mich eigentlich? Da man allenthalben denselben Dingen begegnete, warum gerade sein Herz an dies eine Fleckchen Erde hängen? So philosophierte ich und biß schon mutiger, mit einer Art Galgenhumor in das Würstel und trank Bier dazu, mich zu betäuben. Ich lachte sogar, machte bleichsüchtige Witze und stieß mit Hannerl auf ein frohes Wiedersehen an.
Nur noch wenige Minuten. Die Lokomotive mit dem glühendroten Auge fuhr zischend in die Station ein. „Hannerl, mein liebes Hannerl, vergiß mich nicht, denk’ recht, recht oft an mich und schreib’ mir bald.“ Wir lagen uns in den Armen, und jegliche Contenance außer Acht lassend, brüllten wir um die Wette, wie zwei zu Tode verwundete Löwen.
Der Kondukteur mahnte zur Eile und Papa schob mich mit festem Ruck vor sich in das Coupé. Hier stand ich am Fenster, solange Hannerl noch zu sehen war. Dann lehnte ich mich in den Sitz zurück und hatte förmliche Weinkrämpfe. Ich bildete mir ein, das unglücklichste Geschöpf auf Gottes weiter Welt zu sein und hätte 1000 mal lieber in Steindorf Schotter zerkleinert und trockenes Brot gegessen als nach Wien zu fahren. Papa blieb nicht ungerührt beim Anblick dieses Schmerzes, den er im Grunde teilte. Er hieng ja auch an Steindorf und an seiner Mutter, der er mit blinder Liebe zugetan war. Er ergriff meine Hand und streichelte sie: „Sei doch vernünftig, Mimi. Wie lang wird’s dauern und Du fährst wieder heraus. Einstweilen heißt es recht brav sein und fleißig Briefe schreiben.“ Ja das wollte ich und ich sah bereits im Geiste das schönste Briefpapier vor mir. Jetzt dauerte es volle 300 Tage. Wenn doch wenigstens schon ein Monat um wäre! Bei jeder Station gab es mir einen Stich durchs Herz. Immer weiter, weiter! Jetzt saßen sie gewiß schon bei der „Jause“. Ob sie von mir sprechen? Ob Hannerl sich sehr einsam fühlte? Gestern um diese Zeit! Ach Gott!
Instinktiv schmiegte ich mich an Papa, der mir nun nahe stand, wie lange nicht. Die gemeinsame Liebe zu einem Orte, zu Personen bildet ein gar mächtiges Band. Ich nahm mir vor, ihm durch mein Betragen Freude zu machen, wollte mich auch bemühen, fröhlich zu erscheinen, um Mama nicht zu kränken.
Wir fuhren über die Donau. Ein kühler Lufthauch und gedämpftes Rauschen drang aus der Tiefe herauf. Ein heller Lichtschimmer. Stolz, mir zum Hohne, hebt sie das diademumstrahlte Haupt, die vielgepriesene Wienerstadt. In den hohen, steifen Häusern sitzen die ehrsamen Bürger beim Abendmahl; eine Mutter wiegt ihr Kind in den Schlaf. Immer wieder muß ich aufsehen, zu den erleuchteten Fenstern — o wie mir graut vor der Nacht, in der aller Kummer vertausendfacht erscheint.