Als wir im Wagen saßen, sagte Papa in selten weichem Tone, der fast wie eine Bitte klang: „Laß gut sein, sei gescheidt, sonst glaubt Mama“, — hier brach er ab, als sei es schon zu viel gewesen.
Dann hielten wir vor einem Eckhause still. Noch immer hoffte ich, daß ein Wunder geschehen müsse, daß Alles nur ein böser Traum sei. Aber nein. Es gieng zwei Treppen hinauf, die matt erhellt waren von einer einzigen Gasflamme. Mama begrüßte uns in der Tür. Wir setzten uns zu Tisch. Mit Mühe würgte ich ein paar Bissen hinunter, dann zog ich mich zurück. Sie hatte Steindorf mit keinem Wort erwähnt, nicht einmal für die Grüße gedankt. Nur ob Papa Butter mitgebracht, ob es viele Schwämme gäbe und daß die neue Bodenfarbe nicht angreifen wolle.
Ich stand in meinem Zimmer, das mit seiner Tapete, grau in grau, den dunklen Vorhängen und hohen Kästen den Eindruck einer Kerkerzelle auf mich machte. Und ich meinte zu ersticken. Hastig riß ich die Fenster auf und sandte mit der Hand ungezählte Küsse in die Richtung, wo ich Steindorf wußte. Alles hatte ich dort gelassen, Raum, Licht und Liebe. Weshalb nur gab es Leid und Tränen? —
Ich wußt’ es nicht zu lösen, das große Rätsel des Lebens.
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Welch’ abscheulich schale Stimme die Uhr des nahen Kirchturms hatte, im Vergleich zum tiefen, vollen Klang der heimatlichen: die näselnde Parodie auf ein wunderschönes Lied. Ich fühlte den Drang nach Bewegung und stand bei Tagesgrauen auf. Es war dunstig im Zimmer und eine Fliege plumpste unablässig an die Scheiben an. Mama war auch schon wach. Ich hörte durch die dünne Tapetenwand, wie sie sich im Bette herumwälzte, das unter ihrer Last abscheulich kreischte. Sie schneuzte und räusperte sich ununterbrochen, wie sie es immer zu tun pflegte, wenn sie sich langweilte.
Ich öffnete den Koffer, entfernte das Seidenpapier und betrachtete zärtlich jedes Stück. Mir war, als entströme der Wäsche Steindorfer Luft, als hafte ihr etwas von dem dortigen Wasser an.
Mama’s erste Frage war: „Haben sie „oben“ nichts von mir erzählt?“
„Aber nein, ich weiß wirklich nichts.“
„Gar nichts?“