Diese Art mich auszuforschen, erweckte arges Unbehagen in mir. Was meinte sie nur eigentlich? ....
Im Kloster gab es viele neue Gesichter; häßliche und hübsche. Einige der älteren Schülerinnen waren ausgetreten und ich vermißte mit Wonne Christinens lauernden Blick.
Meine Pultnachbarin war neu eingetreten. Tiefbrünett mit dunklen, etwas geschlitzten Augen, erinnerte ihre Physionomie an die einer Japanerin. Nach ihrem Mienenspiel zu urteilen, schien sie sich gut zu unterhalten.
Mère Walter kündigte uns als „grande surprise“ den Besuch der „révérende Mère“ an und alle Mädchen riefen freudig: „Ah, ah!“
„Was heißt denn das?“ frug Olga ganz erstaunt. „Muß man das sagen?“ und ohne meine Antwort abzuwarten, hüpfte sie dreimal in die Höhe wie ein Hampelmann, den man an einem Schnürchen zieht: „Ah, ah!“
Mère Walter schmunzelte vergnügt. „Ich sehe, Olga Taroli, daß Sie eine gute „élève“ werden: Sie zeigen schon jetzt „l’esprit du Sacré-Cœur“.“
„Warum denn, meine Mutter?“ und leise zu mir: „Ja, spricht die spanisch? Ich hab’ in meinem Leben nichts von diesem „esprit“ gehört.“
Es lag so gar nichts Gemachtes, Erkünsteltes in ihrem Wesen; das zog mich an und dann erzählte sie so interessante Dinge. Sie mußte sehr reich sein, wenigstens nach der Beschreibung des Palais zu urteilen, das sie bewohnte und der eleganten Equipage, die sie abholte.
Ich schämte mich halb zu Tod, wenn ich mit Mama den kleinen Selcherladen betrat, um mein Souper zu besorgen, um 20 Kreuzer Schinken. Wenn sie mich sähe, wie müßte sie es gemein finden und mich verachten.
Und doch war ich noch bei Weitem besser daran, als Franziska Hipperl, die von den Anderen mit souveräner Geringschätzung behandelt wurde, weil ihr Vater Delicatessenhändler war, der seine Kunden eigenhändig bediente. „Pfui, schämen Sie sich, pfui, pfui!“ Ein förmliches Spießrutenlaufen, wenn sie durch den Saal gieng. Selbst Mère Walter setzte eine unnahbare Miene auf, wenn sie mit ihr verkehrte.