Vom obligaten Spaziergang heimgekehrt, hieß es: „Klavierspielen.“ Papa hatte die Chance gehabt, irgendwo einen 50-Kreuzer-Lehrer aufzugabeln, einen Menschen mit zerschlissenen Manschetten, tieftrauernden Nägeln und klapperndem Gebiß.
Während Madame Berger Alles und Jedes getadelt, verfiel er in das entgegengesetzte System des Unterrichts. Er war des Lobes voll über mein Talent, mein Auffassungsvermögen und über meine Finger, die dünnen Spinnebeinen gleich auf den Tasten lagen. Liszt selbst hätte seine Freude an dieser Hand gehabt. Er sprach sehr langsam, jede Silbe betonend, in der Art der Schulkinder, das A besonders klar hervorhebend. „Spie—len wir das schö—ne Lied: „Fah—ret hin, fah—ret hin, geht mir aus dem Sinn, Gril—len sind mir bö—se Gä—ste.“ Er summte mit hoher Fistelstimme den Text vor sich hin, ganz begeistert von der gemeinsamen Leistung. Da Papa fand, daß ich nicht genügend taktfest sei, frug Herr Stolz — so hieß mein Meister —, ob er einen selbstangefertigten Apparat bringen dürfe, der hübsch und zweckmäßig, das teure Metronom ersetze.
Mein Schrecken war nicht gering, als Herr Stolz bei der nächsten Stunde mit großer Umständlichkeit seiner Tasche etwas entnahm, etwas Abscheuliches. Ein alter Knopf an verknittertem Wollfaden. Mir — das!
Mir, der vor nichts so sehr ekelte, als vor alten, verstaubten Knöpfen. Und dazu seine Erklärung: „Ich sammle schon seit Jahren alle alten Knöpfe, und habe bereits eine ganze Schachtel davon. Mein Princip ist: „Nichts umkommen lassen“, da man nie weiß, wozu man die Dinge brauchen kann. Den Faden zum Beispiel lieferte ein zerrissener Socken, den ich nicht mehr tragen konnte. Ich schenkte allen meinen Schülern eine derartige Vorrichtung.“ Er schwang das Pendel mit großer Gewissenhaftigkeit hinter meinem Rücken; ich ließ es mir gefallen, doch als er Miene machte, das kostbare Objekt meiner Obhut anzuvertrauen, schützte ich Nasenbluten vor und ergriff schleunigst die Flucht. Herr Stolz besaß nicht das Zeug, um zu imponieren, ich machte keine Fortschritte und bedauerte, diese Stunde nicht angenehmer verbringen zu können. Immerhin zog ich diese Beschäftigung noch dem darauffolgenden Turnen vor. Das fliegende Reck machte mir den Eindruck eines Galgens, seit ich tagaus tagein dieselben Übungen vornehmen mußte. Aufziehen, so und so viele Schwingungen, nicht eine mehr, nicht eine weniger und dazu das Bewußtsein des „Muß“.
Dabei wurde ich ein Gefühl der „Vereinsamung“ nicht los. Doktor Vogler, der erzählte interessant von seinen Bekannten, seinem Berufe, aber wenn er ausblieb! Dann bekam man nichts anderes zu hören, als daß es ein Hundeleben sei, von früh bis spät im Bureau zu sitzen, daß die Eier furchtbar im Preise gestiegen seien, daß der und jener in Pension gegangen und Venedig Mamas Nerven nicht vertrieben habe. Alles im Tone der Klage, des Mißmutes und der Unzufriedenheit mit dem Schicksal.
Es hätte mich zersteut, ab und zu, wenigstens des Sonntags Altersgenossinnen bei mir zu sehen, aber daran war nicht zu denken. Die Klosterregel verbat jeden Umgang, ebenso wie Theater, und Papa hätte nie eine Mißachtung derselben geduldet. So mußte ich mich mit Hannerls Briefen begnügen, die ich so lange las, bis ich sie auswendig kannte. Was für wichtige Dinge die großen, unregelmäßigen Schriftzüge verkündeten. „Ich habe lauter Einser in der Schule bekommen. Nur im Gesang habe ich einen Dreier bekommen. Pauline hat meiner Puppe einen Mantel gemacht. Ich spiele Domino. Auf den Fly bin ich böse, weil er ein Reh zerrissen hat“ u. s. w.
Es ging ihr also mit dem Lernen besser wie mir. Ich hatte sogar in einem Gegenstande „schlecht“. O dieses Rechnen! Es wollte mir nun einmal nicht in den Kopf. Ich konnte ganz leidlich addieren und subtrahieren, kam aber ein Punkt, ein Decimalbruch vor, breitete sich ein undurchdringlicher Schleier über mein Gehirn. Glaubte ich bisweilen, auf der rechten Fährte zu sein, die Schwierigkeit überwunden zu haben, so war es gewiß Täuschung, und ich gab es auf, den trügerischen Irrlichtern nachzujagen.
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Ich wurde wieder einmal zu einem Arzt geschleift, der als Specialist für Verkrümmungen etc. ein großes Ansehen genoß.
Bei wie viel Ärzten war ich schon gewesen und Jeder hatte etwas Anderes gesagt. Es wäre eine physische Unmöglichkeit gewesen, ihnen allen gerecht zu werden. Sie ergiengen sich in gelehrten Ausdrücken, Mutmaßungen der verschiedensten Art, stellten Fragen, nahmen ausführliche Protokolle auf und man ging — so klug wie zuvor.