Ich hätte es schon gewöhnt sein können, und doch beschlich mich jedesmal dasselbe intensive Unbehagen, wenn ich den Wartesaal einer Fakultät betrat. Schon der Stil dieser Räume — sie wiesen alle mehr oder minder Ähnlichkeit auf, — machte einen bangen, kalten Eindruck. Peluchegarnitur mit weißen Spitzendeckchen, kunstlose Gemälde, Prachtbände, in denen die Patienten mit erheucheltem Interesse blätterten. Ängstlich horchte ich auf jedes leise Geräusch, auf das halblaute Flüstern im Nebenzimmer und hätte gerne gewußt, ob die gleich mir Wartenden dieselbe Unruhe empfanden.

Endlich kam die Reihe an mich. Mama erzählte jedesmal dieselbe Geschichte, die ich schon zum Überdruß gehört und Doktor Vogler fügte einige wesentliche Erläuterungen hinzu. Ich mußte mich entkleiden — es war mir schrecklich — die verschiedensten Stellungen annehmen, mich bücken, legen, tief atmen — es schien mir eine Ewigkeit.

Der Arzt, den man uns diesmal angeraten, war ein noch junger Mann mit energischen Zügen. „Derlei Fälle kommen häufig bei Kindern vor, die sich infolge zuvielen Sitzens eine schlechte Haltung angewöhnen. Die inneren Organe haben nicht gelitten und die Verkrümmung befindet sich in einem Zustand, wo sich noch Alles geben kann. Es ist nötig, die Kleine in rationelle Behandlung, eventuell in eine ortopädische Anstalt“ und als Mama unterbrechen wollte: „Ich weiß, die Eltern lieben das nicht, aber um meine Meinung befragt, würde ich unverantwortlich handeln, wenn ich Sie nicht darauf aufmerksam machte, daß die Gesundheit wichtiger ist als das Studium.“

Doktor Vogler stimmte ihm durch Kopfnicken bei. Doch äußerte er Zweifel, daß dies durchführbar sei. Sein College sah mich mitleidig an. „Dann versuchen wir es mit dem Lagerungsapparat. Wenn Sie vielleicht sehen wollen“, und er schob den Vorhang etwas zur Seite. Es war ein Ungetüm aus Holz, Leder und Eisen. „Was, da drin soll ich schlafen?“ Ich begriff nicht, daß man mir im Ernste so etwas zumutete.

„Ja, wenn es sein muß.“ Mama war nur besorgt, daß die Kosten zu bedeutend wären; das Andere schien sie kühl zu lassen.

Ich brach in Tränen aus. Doktor Vogler fuhr mir tröstend über das Haar: „Es sieht nur so schrecklich aus. Man gewöhnt sich bald daran und lange wird es ja hoffentlich nicht nötig sein.“

Ach, war das eine Marter: Kerzengerade auf dem Rücken liegen, den Kopf in einer Linie mit dem Körper; die rechte Seite auf einem steinharten Holzviereck, die linke halb in der Luft, an Gurten aufgezogen. Gewöhnlich schlummerte ich erst um 4 Uhr morgens ein und drei Stunden später mußte ich aufstehen. Oft vermochte ich mich nicht aufrecht zu halten vor Müdigkeit und war kaum imstande die Tränen zurückzudrängen. Weshalb mußte ich das durchmachen? — Warum war ich nicht wie Andere? Wenn ich Papa bat, mich wieder wie früher im Bett schlafen zu lassen, geriet er in Zorn und nannte mich „ein boshaftes Ding“. Und Gott half mir auch nicht, der böse, alte Mann.

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Weihnachten stand vor der Thüre. Wir hielten täglich eine Andacht im Studiensaal, vor der kleinen, leeren Holzkrippe. Mère Walter hatte uns in einer etwas unverständlichen Rede aufgefordert, dem Verheißenen ein Lager zu bereiten in unserem Herzen. Wir sollten unser Inneres läutern und mit Tugenden schmücken. Jede mußte in den Krieg ziehen gegen ihren Hauptfehler und hatte sie am Ende des Tages einen Erfolg zu verzeichnen, durfte sie einen Strohhalm in die Krippe legen.

Meine schwache Seite war die „Geduld“. Ich beschloß mich ins Unvermeidliche zu fügen. Da die Himmlischen mir gegenüber so wenig Zuvorkommenheit zeigten, wollte ich sie verblüffen, beschämen. Nein, sie sollten wenigstens nicht triumphieren; dieser Gedanke erfüllte mich mit Genugtuung. Ohne Murren legte ich mich in den harten Apparat und stand mit einem überlegenen Lächeln auf. Nicht Liebe war mein Führer, viel eher Trotz und Hohn.