Wir verfertigten Kleidungsstücke für die Armen und sollten die würdige Mutter mit einer Summe für die Afrikamissionäre überraschen. Papa machte ein saueres Gesicht, enthielt sich jedoch jeder Äußerung, um den Respekt vor den Klosterfrauen nicht zu beeinträchtigen.
Die Abende waren mit den Vorbereitungen für das Christfest ausgefüllt. Wir Drei, Doktor Vogler und ein Maler, Pitz mit Namen, verfertigten kleine Bonbonnièren, wickelten Chokolade ein und befestigten am Zuckerwerke Fäden.
Pitz, seines schwarzen Krauskopfes halber auch „Mohr“ genannt, zeigte für diese Beschäftigung bei Weitem mehr Interesse als für seinen eigentlichen Beruf. Er war durchaus nicht talentlos, aber von einer Trägheit, einer Indolenz! Flogen ihm die gebratenen Tauben zu, dann gut, wenn nicht, er kümmerte sich gewiß nicht weiter darum. Ein Bild „auszustellen“ hätte ihm Entwürdigung geschienen. Bedürften die Leute seiner, so würden sie ihn schon holen in seinem Dachstübchen, hinter der Staffelei, wie die Sachsen ihren König, vom Vogelfang. Es holte ihn aber Keiner, da eben Niemand von ihm wußte.
Er verstand sich vorzüglich auf das Restaurieren; er copierte hübsch, aber eigene Ideen — keine Spur. Seine ältesten Bekannten konnten sich nicht entsinnen, daß ihm seine Phantasie mehr als zwei Sujets vorgezaubert hätte, die er bis zum Überdruß verwertete. „Zechende Jäger in der Schänke“ und „ein Bachantenzug von kleinen Kindern“. Selbst auf der Decke seiner Stube schwebten blütenbekränzte Amoretten und die Innenseiten seiner Kleiderkästen zeigten die altbekannten, verwitterten Gesichter unter den grünen Filzhüten.
Papa hatte sich einmal einen Scherz erlaubt und ihn „Herr Zimmermaler“ genannt. Das aber faßte Pitz schief auf: „Der Herr Baron darf sich nicht lustig machen über mich“, erklärte er mit drohender Miene. „Ich habe kein Glück gehabt; bei mir stellte sich der Zufall nicht ein, der einen Makart, einen Canon gemacht. Und mich den Leuten aufdrängen, ah nein, dazu bin ich zu stolz“ und er warf mit herausfordernder Miene den Kopf in den Nacken. Mit der, bornierten Leuten eigenen Zähigkeit, beharrte er bei seinem Standpunkt. Es wäre total fruchtlos gewesen, sich in eine vernünftige Diskussion mit ihm einzulassen, ihm begreiflich machen zu wollen, daß die großen Meister niemals berühmt geworden wären, hätten sie die Hände in den Schoß gelegt und würdevoll gesagt: „Ich warte“.
Aber ebenso wie er jeden harmlosen Spaß, jeden leichten Tadel für bare Münze hielt, ebenso nahm er jede Anerkennung, jedes Lob wörtlich. Er deklamierte für sein Leben gern und man brauchte ihn nur zu bitten, etwas zum Besten zu geben, so war aller Groll im Nu verraucht. Der Künstler verschwand, um in wenigen Minuten mit gepudertem Gesicht in ein weißes Leinentuch gehüllt, zu erscheinen. Mir wurde unheimlich dabei zu Mute. Das verdunkelte Zimmer, der weiße Schatten und die schaurige Geschichte der „Moritaterei“ „Lenore fuhr ums Morgenrot“. „— Dann gieng er in einen heiteren Ton über, sang den „Chevauxlegers“, den „Gondolier“ und „Ich wollt’, ich könnt ein Kätzchen sein“. — Immer dasselbe Repertoire, nie eine Abwechslung. Sein Steckenpferd aber war die Parodie auf den „Handschuh“. Er hatte sich beim Einstudieren seiner Rollen so sehr in die stampfenden, wildbrüllenden Tiere hineingedacht, daß die Nebenparteien den Hausmeister zu Hilfe riefen: „Der Maler muß übergeschnappt sein; er treibt es furchtbar“. Und da auf wiederholtes Klopfen keine Antwort erfolgte, sprengte er die Türe und dem erstaunten Publikum bot sich ein Anblick dar, wie jener, wo Cervantes „Don Quichote“ mit unsichtbaren Mächten kämpft. Pitz kroch auf allen Vieren herum, schlug mit Händen und Füßen um sich und gab die schauerlichsten Töne von sich. — Es kam zur Erklärung der Situation, und von nun an regnete es Einladungen auf ihn „zur Jause“, zu einer „deklamatorischen Soirée“ im 4. Stock, wo er die einzige deklamatorische Kraft war. Was Wunder da, wenn Pitz die Huldigungen zu Kopfe stiegen. Er ließ es sich gut sein bei Braten und Wein und erklärte höchst selbstbewußt: „Jetzt ist so ein Geriß um mich, daß ich ans Malen gar nicht mehr denken kann.“
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Hell prangt der Christbaum im Kerzenschmuck. Es funkelt und glitzert von Goldstaub und Walkürenhaar und die Äste neigen sich unter der schweren Last.
Rings an den Wänden auf weißgedeckten Tischen die Geschenke. Mein Platz ist überfüllt, und es währt geraume Zeit, bis ich die vielen Gaben in Augenschein genommen. Am meisten freut mich das Perlenhalsband, das mir Tante Laura sammt einem lieben Brief gesandt. „Sei glücklich“, schloß das Schreiben, und diese Worte machten mich traurig, ohne daß ich recht wußte warum. Wann ist man glücklich? Wenn man nichts entbehrt, keine ungestillte Sehnsucht mit sich herumträgt, — oder aber wenn man sich mit den Dingen zufriedengiebt, wie immer sie auch seien. Zu ersterem gehört Fortunas ganz spezielle Protektion, zu letzterem ein so hoher Grad von Philosofie, wie er nur wenig Auserwählten eigen ist.
Auch ich war nicht glücklich. Ich stellte die schönen Sachen in meinem Zimmer auf, und in diesem öden grauen Zimmer dachte ich an Hannerl und wie schön es wäre, das Alles mit ihr zu teilen. Ob sie wohl wußte, mit welchem Opfer ich die Süßigkeiten erkauft, die ich ihr geschickt. Die Nacht des Sonntag blieb ich vom Apparat befreit. Papa stellte mir aber einen Gulden in Aussicht, wenn ich auch da viermal hindurch darin schliefe. Es fiel mir schwer, aber Hannerl zu Liebe tat ich es.