Um Mitternacht gieng sie wohl in die Mette. Knirschender Schnee, Sternenhimmel, der Lichtschimmer ungezählter Laternen, vermummte Männer und Frauen. Aus allen Dörfern strömen sie zusammen, um dem Heiland der Welt ein Wiegenlied zu singen: „Stille Nacht, heilige Nacht.“

Brausend fällt die Orgel ein, Weihrauchduft erfüllt den Raum — sie Alle beten.

Wie feierlich! Wie schön!

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Olga hatte das Pensionat verlassen, nachdem es mehr als einen heftigen Auftritt zwischen ihr und der würdigen Mutter abgesetzt. Obwohl wir einander nicht näher gekommen, that es mir doch leid. Sie hatte Leben und Abwechslung in das öde Einerlei gebracht. Welchen Unfug sie in den „Anstands-Stunden“ getrieben! Ihr Lachen wirkte ansteckend und versetzte den Tanzlehrer — das einzig männliche Element in unserem Unterricht in helle Wut.

Kaum wandte er sich um, warf sie ihm Kußhände zu, preßte die Hände aufs Herz und einmal ertappte er sie dabei, wie sie den Zipfel seines Taschentuches aus seinem Rocke zog. Von nun an kam Mère Walter selbst, um uns an Stelle der alten, kurzsichtigen Mère Schale zu beaufsichtigen. Wir standen da, als ob wir Ladstöcke verschluckt hätten und mucksten nicht. Es war unerträglich.

Olga hatte laut geäußert, daß bei Tisch nur deshalb Missionsberichte vorgelesen würden, um einem den Hunger zu benehmen. Sie hatte nicht so Unrecht; diese unappetitlichen Schilderungen mußten Einem übel machen. Der Eine briet am Spieß, den Anderen tranchierten sie bei lebendigem Leibe und ein Dritter war derart Feinschmecker, daß er sich bloß vom widerlichsten Ungeziefer nährte. In der Regel hörte auch außer den beiden jungen Altgräfinnen Niemand zu, und die schienen völlig abgehärtet gegen die Schauderberichte. Sie verschlangen mit durchdrungener Miene doppelte Extraportionen, während ihr Geist, von der Materie losgelöst, in höheren Regionen schwebte. Dünn wie Sardellen, half ihnen selbst die Mastkur nichts — sie aßen nur aus Pflichtgefühl, um ihre Körper widerstandsfähig zu machen, für die Anforderungen der Seele.

Den Ausschlag aber hatte gegeben, daß Olga die fehlenden Seiten ihrer Naturgeschichte verlangte. „Ich weiß ja so, was drin steht. Warum soll denn der Mensch nicht vom Affen abstammen. Die Affen sind oft gescheiter wie die Menschen.“ Bei der Taschenbesichtigung fand sich ein kleines Bändchen „Goethe-Gedichte“ vor. Sie hatte es zu Weihnachten von ihrem Schwager erhalten. Höchste Entrüstung. Mère Walter spielte alle Farben. Sie aber sagte so ganz obendrein: „Warum haben Sie diese schlechten Bücher gelesen? Hat Sie wahrscheinlich doch auch mehr interessiert als die „Nachfolge Christi.“ Ich finde gar nichts so Schreckliches daran.“

Damit war die Sache erledigt und Olga ausgestoßen. Mère Walter legte uns anheim, für sie zu beten: „Ce n’est peut-être pas tellement de sa faute. C’est une excellente enfant, elle a un cœur d’or, mais elle est malade, oh elle est malade la pauvre!“

Olga krank, es war zum Lachen. Solch zweiten kerngesunden Kobold gab es gar nicht mehr. Aber Mère Walter fand offenbar, daß man bei so unerhörtem Benehmen einer Entschuldigung bedürfe.