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Ein entfernter Verwandter war gestorben und hatte Papa zum Universalerben eingesetzt. Ich durfte Trauer tragen und fühlte mich furchtbar interessant. Des Abends beim Gebete, fügte Papa ein Gesetzlein für den Verstorbenen bei und Mère Walter behandelte mich von nun an mit einer gewissen Zuvorkommenheit.

Die altväterische Einrichtung unserer Wohnung wich einer modernen, und an Stelle der häßlichen Ripsgarnitur im Salon trat eine kirschrote Seidenpracht, die mein Auge blendete. Auch mein Zimmer erfuhr eine Bereicherung, d. h. man schob das hinein, wofür man anderswo keinen Platz fand.

Sonst trat keine wesentliche Änderung ein. Papa behielt die alte Lebensweise bei und meine Hoffnung auf Erhöhung des Monatsgeldes erwies sich als trügerisch.

Zwischen meinen Eltern herrschte eine Spannung, die mich überaus peinlich berührte. Bei den Mahlzeiten saßen sie sich stumm gegenüber und Dr. Vogler mußte die Unterhaltung führen.

Großmama war zum Begräbnis gekommen, hatte uns aber nicht besucht. Als ich meinem Bedauern darüber Ausdruck gab, versetzte Mama mit großer Schärfe: „Ich hoffe, daß sie sich’s überlegt, uns aufzusuchen: ich verlange mir durchaus keinen Verkehr mit dieser Sippe.“

Ich blickte sie erstaunt und mit stummem Vorwurf an.

„Ja,“ versetzte sie, gezwungen lachend, „Du bist auch eine echte Steindorf; das ist eine alte Geschichte. Man braucht Dich nur anzuschauen; Deiner Großmutter wie aus dem Gesicht geschnitten.“

„Da wäre ich wirklich nur stolz“, konnte ich mich nicht enthalten, zu bemerken und verließ das Zimmer. Schon einigemale hatte mich Mama’s Art, Leute anzugreifen, die mir nahe standen, verletzt; in Steindorf war dies nicht Brauch und ich fand es unpassend und wenig zartfühlend.

Die Scheidewand, die mich von Mama trennte, türmte sich immer höher auf. Sie fand nicht den rechten Herzenston und mich kostete es Überwindung, ihr die Hand zu küssen, sie bei dem Namen zu nennen, der jedem Kinde heilig sein sollte: „Mutter.“