„Ich mag nicht.“
„Dieses Wort kennt man hier nicht, mein Kind: Du mußt.“ Die Klosterfrau mit dem strengen blassen Gesicht drückte mir den Löffel so fest in die Hand, daß es mich schmerzte. Ich würgte die verhaßte Suppe hinunter und mit ihr die Frage, weshalb ich denn eigentlich „müsse.“
Zu Hause, da hatte es immer geheißen: „Tu’s mir zuliebe, Mimi“, und da aß ich den ganzen Teller blank und war reichlich belohnt, durch das freundliche Lächeln meiner Eltern.
„Du mußt.“ Jetzt erst gewahrte ich die schadenfrohen Blicke der Schülerinnen, mit denen ich nun Tag für Tag beisammen sein sollte. Eine stieß mich ganz besonders ab. Es lag ein böser, harter Zug um ihren Mund und in den grünen Augen blitzte es höhnisch auf. Da fühlte ich mich mit einemmale so grenzenlos verlassen und mit der Kindern eigenen Intensivität, malte ich mir meine Zukunft an diesem Orte in den düstersten Farben aus.
Bis zu diesem Augenblicke hatte ich mich den neuen Eindrücken hingegeben, wie jemand ganz Unbeteiligter. Der kahle, weißgetünchte Saal mit den langen Pultreihen und dem erhöhten Sitz für die „Aufsicht“, das Alles kam mir so seltsam vor.
Noch mehr aber verwunderte mich die Frage „ob ich mich freue, ob ich gern gekommen sei?“ Ich besann mich nicht erst lange, sondern erwiderte rundweg: „Nein.“ Mein Blick schweifte zu den Mädchen hinüber. Sie hatten wie auf Commando die Zähne auf die Unterlippe gepreßt und ein vernehmliches „Mais vraiment“ gemurmelt. Wer nur auch so unverschämt aufrichtig sein konnte! Damit kommt man nicht weit; ich blieb es auch nicht lange.
Wie träge die Stunden dahinschlichen; noch nie hatte mir ein Tag so endlos lang geschienen.
Christine, das Mädchen mit den bösen Augen schlich sich in einem unbewachten Moment an mich heran und riß mir das Band vom Zopfe.
„Du garstiges Ding“, es war mir unwillkürlich entschlüpft. Sie aber flugs bei Mère Walter. „Mimi sagt mir „Du“ und ist grob.“
Nun erfuhr ich, daß man sich nicht „Du“ sagen und nicht empfindlich sein dürfe. Christine hätte es ganz zufällig gethan.