„Ah, Sie meinen mein Leiden! — Es gibt Leute, die mit einem Herzfehler hundert Jahre alt werden.“
„Nein Sie dürfen nicht in die Hölle kommen“, versetzte ich in kindlicher Beharrlichkeit. „Und sterben auch nicht, noch lange nicht“, und neuerlich rannen mir die Tränen über die Wangen.
„Das täte also diesem kleinen Herzen weh? Liebe, gute Mimi.“ Und ehe ich es verhindern konnte, trocknete er mir mit seinem Taschentuch die Tränen. „Nein, ich will noch lange nicht sterben.“
„Und auch nicht in die Hölle kommen?“
„Aber wenn Sie im Himmel sind. Dort gibt es ja kein Leid und kein Bedauern. Sie würden mich wohl kaum vermissen.“ Er sagte das mit jenem leisen Anflug von Ironie, der ihm eigen war, wenn er von religiösen Dingen sprach.
„Es täte mir nicht leid? — Aber wie“ — — hier unterbrach ich mich, denn es fiel mir ein, daß der Katechismus in der Tat jene Behauptung aufstellt.
„Merken Sie den Widerspruch?“
Doch schon hatte ich meine Festigkeit wiedergefunden. „Es gibt Dinge, die unser Geist nicht faßt. Wir dürfen nicht forschen.“
„Ja wenn man der Vernunft gebieten könnte, Winterschlaf zu halten!“
„Lästern Sie nicht. Es tut mir weh, Sie so sprechen zu hören.“ Und einem Instinkte folgend, löste ich das Goldkettchen mit der Marienmedaille von meinem Halse und reichte es ihm hin. „Bitte, tragen Sie es immer, ja?“