Die Mittagsonne brannte und wir bogen in den Buchengang ein, der sich einer Kuppel gleich zu unsern Häuptern wölbte. Vor einem Beete roter Nelken blieben wir stehen. Es ging eine Glut, ein Leuchten von diesen Blumen aus, die mich fascinierten. Satte, schwüle Farben, üppige, reife Schönheit. Ich bückte mich und pflückte eine, die ich wie spielend durch die Finger gleiten ließ.
Er sah mich lächelnd an: „So teilen Sie auch meine Vorliebe für diese Blumen? Mir scheinen sie eine Verkörperung von Lebenslust, von Frohsinn und Genuß. Wer ihre Sprache versteht! — — Ja, Mimi, glauben Sie mir, es erwartet Sie noch viel, unendlich viel Schönes — da draußen im Leben. Wie alt sind sie eigentlich. Vierzehn Jahre?“
„Schon vorüber.“
„O in diesem Alter gibt man gerne zu: später möchte man abziehen. — Dort, sehen Sie, die melancholische, carrierte Gestalt? Macht Ihnen Ihr Vetter sehr den Hof?“
„Aber!“ Bei dieser unerwarteten Frage schoß mir das Blut siedendheiß in die Wangen. Ich wäre am liebsten auf- und davon gelaufen, und zerzupfte in nervöser Hast die Nelke.
„Was kann denn die arme Blume dafür?“ Er bog den Rand meines Hutes etwas auf und sah mir forschend ins Gesicht: „Und Sie, ahnen Sie, was Liebe ist?“
Ich schwieg, aber in meinen Augen las er die Antwort. Er trat einen Schritt zurück, und frug dann mit unendlich weicher Stimme: „Wirklich, Mimi?“
„Ja.“
Sonnenfunken zitterten in den Zweigen und eine Lerche schwang sich in die Luft, dem Herrn der Welt die Botschaft zu verkünden, daß sich seinem uralten Gesetze zufolge zwei Menschenkinder in Liebe gefunden.
Der erste Kuß! — Noch in späten Jahren verklären sich die Züge der Greisin in sanfter Wehmut, wenn sie der Vergangenheit gedenkt. Ein seliges Vergessen, ein Traum, ein Rausch, eine Wonne ohne gleichen. Der Himmel lacht, die Engel weinen Freudenthränen.