Ja, war’s denn möglich? Ich blickte scheu zu ihm empor, die Hände auf die Brust gepreßt, wie um es festzuhalten, das große, große Glück.
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„Ob es wohl Sünde war?“ Diese Idee verfolgte mich unablässig. Bei Tag trieb sie mich hinaus aus dem Zimmer, fort, fort ins Freie. Ich meinte zu ersticken. Stundenlang irrte ich im Wald herum, rastlos, ziellos. Des Nachts setzte sich das Quälgeistchen an meine Seite und gab mir keine Ruhe. Es kicherte, zog mich bei der Decke, daß ich mir nicht zu helfen wußte.
Tante Laura merkte, daß etwas Ungewöhnliches mit mir vorgehe: „Mimi, hab’ Vertrauen zu mir.“ Und wie ich in dies abgehärmte, ergebene Gesicht blickte, da schüttete ich ihr mein Herz aus, gerade so wie damals, als ich noch ein kleines Mädchen war.
„Sünde ist die Liebe niemals“, versicherte sie mir ernst. „Um in Deinem Sinne, in Deiner Sprache zu reden, Gott selber hat diesen Trieb, die Sehnsucht nach einem zweiten Wesen in unser Herz gelegt und es wäre unnatürlich, wenn er sich nicht früher oder später äußerte. „Heimlichtuerei“ meinst Du? Deine Fragen sind oft schwer zu beantworten. Der Zauber der Poesie liegt gar häufig im Verborgenen, im Geheimnis. — — Übrigens so eine erste Neigung lebt oft nicht länger wie eine Eintagsfliege“, und da ich eine protestierende Geberde machte: „Wozu sich über Dinge den Kopf zerbrechen, die zu keinem Resultate führen. In einigen Jahren reden wir darüber, ja? Bis dahin kann sich Manches geändert haben.“
„Also Sünde ist es nicht?“
„Nein, nein. Aber wenn ich Dir einen guten Rat geben soll, trachte Dir Vincenz aus dem Kopf zu schlagen. In denke, mit etwas gutem Willen wird es gehen, jetzt leichter wie später. Eine im Keim erstickte Neigung gleicht einer leichten Operation, während, wenn sie Wurzel faßt, das geht oft tief. Du stehst mir ja nahe, Mimi, und ich möchte Dich vor trüben Erfahrungen bewahren. Besser die Wunde blutet tüchtig, als die Narbe heilt nie. — Übrigens, es ist ein wohlgemeinter Rat.“
„Ach Tante, ich hab’ ihn so lieb. Ich will ja nichts Anderes, als daß es immer so bleibt.“
Wenn er mich mit bebendem Arm umschlang, dann lehnte ich beseligt den Kopf an seine Schulter. Ich hörte das ungestüme Pochen unserer Herzen und ein heißer Strom, durchrieselte es meine Adern. Und doch, ich hätte nicht vermocht, den eigentümlichen Zauber zu definieren, den er auf mich ausübte. Lag es in seinem Blick, seiner Stimme, der nonchalanten Art seiner Bewegungen? Alles im Verein vielleicht; selbst das etwas herbe Parfum, das seinem Taschentuch entströmte, der Schnitt seiner Anzüge, die eleganten Hände.
Und er sollte dem Bösen verfallen sein? Mehr denn je beseelte mich der Wunsch, ihn zu befreien. Doch hatten wir die Rolle bei unseren Diskussionen vertauscht. Er sprach mehr, ich immer weniger; er war zu höflich um direkt zu widersprechen, aber er zwang mich zu denken und da zerfiel unmerklich mein Kartenhaus. Es hatte auf zu lockerer Basis gestanden: der erste Sturm fegte es spielend hinweg. Noch gestand ich mir’s nicht ein, doch ich fühlte das Herannahen der Katastrophe. Unaufhörlich nagte der Wurm des Zweifels an meinem Innern: die so lange zurückgedrängte Vernunft war erwacht und machte ihre Rechte geltend. — Wie eine Ertrinkende rang ich mit den Wellen: es war ein ohnmächtiger Kampf mit dunklen Gewalten. In meiner Verzweiflung rief ich die Heiligen zu Hilfe, doch sie erhörten mich nicht. Und wie, wenn Vincenz Recht hätte, wenn ich bis dahin in finsterer Nacht gewandelt war, in ein Lügennetz verstrickt und erst jetzt der Erlösung entgegengieng, der Erlösung durch die Wahrheit? — — — Und wenn ich lange meinen Kopf angestrengt, breiteten sich dichte Nebel vor mein Auge und eine Müdigkeit überkam mich, wie ich sie bis jetzt nicht gekannt.