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Es war ein heißes, blutiges Ringen gewesen um den Glauben, ein Ringen auf Leben und Tod — und ich unterlag. Monat um Monat war vergangen und der Tag gekommen, an dem ich das Kloster verließ.
O, endlich, endlich frei! Du junges Morgenrot, Du große schöne Welt, jetzt seid ihr mein! Wie eine Zentnerlast fiel es mir vom Herzen; vorbei die Zeit der Verstellung und der Heuchelei. Wie schwer war es mir oft geworden, mich zu beherrschen, nicht mitten in der Predigt aufzuspringen und zu rufen: „So glaubt doch nicht, es ist nicht wahr!“
Die Flut war hoch gegangen und hatte anfänglich mit ihrem Toben und Brausen alles Andere übertönt: jetzt trat die Ebbe ein und ich fand kostbare Perlen am Meeresstrand. Sie schillerten und strahlten in den schönsten Farben und ihr Besitz beglückte mich. Ich hütete meinen Schatz, verbarg ihn sorgfältig vor aller Augen, sagte nicht einmal Vincenz davon. Doch er erriet mein Geheimnis mit dem Blick der Liebe, die auf dem Grunde der Seele zu lesen versteht. Mit der neuen Erkenntnis kam tiefe Ruhe und Zufriedenheit über mich: sie spiegelten sich in meinem Gesichte, in meinem ganzen Wesen wieder. — Ich fürchtete keinen zürnenden, rächenden Gott: ich wollte gut sein, nicht des Lohnes halber, sondern aus Freude daran und ich betrachtete die ganze Welt in neuem Lichte. Ich wandelte nicht mehr auf steinigem, zerklüftetem Wege, nein vor mir lagen sie, die verlockenden, sonndurchglückten Blumenpfade. Das Labyrinth, in dem ich mich zu verirren gedroht, war vom Erdboden verschwunden und es schien mir unfaßlich, daß ich der plumpen Falle so spät entkommen war.
Himmel und Hölle! Daran hatte ich geglaubt. Spuckgeschichten, Ammenmärchen. Und all das Andere!
„Mimi Steindorf“, ich sagte mir mit einer gewissen Ironie, „nicht mehr Mittelpunkt des Weltalls, um den sich Alles dreht; nur ein verschwindend kleiner Teil des Ganzen, und doch niemals „Nichts.“ Du verlierst das individuelle Bewußtsein, aber verschwinden kannst Du nicht. Was in Dir den geistigen Menschen, Dein höheres Ich ausmacht, nenn’ es Seele, wenn Du willst, aber denk’ Dir darunter kein Schemen, das beim letzten Atemzug vor Gottes Richterstuhl fährt und den Körper erst am jüngsten Tage wieder bezieht. Heiße es „Kraft“ und versuche nicht, den Stoff, die Materie davon zu trennen — es wäre sinnloses Vorgehen; denn eins bedingt das andere. Im Grunde genommen, bist Du nichts anderes als eine Uhr. Ein zu heftiger Druck, ein Stäubchen, das zufällig ins Gehäuse geraten: die Feder ist abgedreht, die Uhr bleibt stehen, ohne daß sie deshalb aufhört, zu sein. Man kann sie in ihre einzelnen Bestandteile zerlegen, sie auf ihre ursprünglichen Stoffe zurückführen: die Form erleidet eine Veränderung, die einzelnen Teilchen aber können nicht vernichtet werden.
„Findest Du dieses Gedicht nicht schön, Mimi? Der jüngere Dumas hat Recht. So will ich’s auch einmal“, und Vincenz las mir vor:
„Je ne veux pas, quand je mourrai,
Que l’on me mette au cimetière.
Au milieu d’un champ labouré