„Man kann sie doppeln lassen. Und was hast Du denn gegen die Zugstiefletten; sie thun genau denselben Dienst, nur daß sie billiger sind. Wozu denn so verschwenden?“ Ich mußte also die geschmacklosen Chaussüren forttragen, zur heimlichen Freude Christinens, die mich nächstenliebend „das Bettlerkind“ getauft hatte.

Auch das Kleid mußte ich solange benützen, bis die Ellenbogen durchgewetzt waren und der Rücken glänzte. Neue Handschuhe und Haarbänder gab es nur alle heiligen Zeiten einmal, und wenn der Mantel nicht mehr paßte, wurde solange der Kreuz und Quere nach angesetzt, bis von der ursprünglichen Façon nichts mehr zu erkennen war. Was Wunder da, wenn ich stets nur „ungenügend“ in der Ordnung bekam! Papa hielt mir dann lange Strafpredigten, „ich sollte mich zusammennehmen, Andere brächten es ja auch fertig.“

Andere! Wie leicht das gesagt war. Da war eben nicht jede Neuanschaffung von Vorwürfen und Lamentationen begleitet, während bei mir! — Nicht einmal ungebrauchte Bücher hatte ich; lauter beschmutzte Einbände mit Fingerspuren und überklebten Stellen. Wie beneidete ich meine Nachbarin, die große Gertrud, um die vielen nagelneuen Bände! Überdies besaß sie ein Gebetbuch, das von den feinsten französischen Spitzenbildern strotzte, und einen Federnbehälter aus papier mâché mit einer Veilchenguirlande darauf. Ich rechnete und überlegte, wie lange es wohl dauern würde, bis ich mir ähnliche Gegenstände kaufen könnte. Ein paar Jahre gut, wenn Papa mein Monatsgeld von 30 Kreuzern nicht erhöhte. Und selbst dieser minimale Betrag hing von den erhaltenen Klassen ab. Also blutwenig Aussicht! Diesmal würde es ohnedies wieder nur „gut“ geben.

Mère Walter ließ mich auf ihr Zimmer rufen. Mein Herz klopfte zum Zerspringen und ich starrte noch immer in tötlichem Schreck den Zettel an, der meine Nummer trug. Ja „17“, da gab es keinen Ausweg.

Ich legte die Schürze ab und setzte mich auf das „Folterbankerl“ vor ihrer Thüre, um zu warten, bis meine Vorgängerin herauskäme. Wäre sie doch ewig drin geblieben, oder gleich erschienen, schon im nächsten Moment, damit es überstanden wäre. Meine Wangen brannten, die Hände glühten und förmliche Krämpfe befielen mich. Was sie nur wieder sagen würde? Vielleicht gar nichts Besonderes, oder wegen der französischen Aufgabe, dem Stockfisch. Schließlich wichen die klaren Gedanken einer maßlosen Furchtempfindung. Ich blickte hinüber zu den arbeitenden Gefährtinnen, die gesammelt der Lektüre lauschten. O daß ich doch an ihrer Stelle gewesen wäre, nur nicht gerade „ich“, oder überhaupt weit weg, ganz anderswo.

Jetzt hörte ich Schritte. Ich raffte mein bischen Mut zusammen, blickte zum Himmel, machte hastig ein Kreuzzeichen nach dem anderen und gelobte dem lieben Gott, „brav zu sein“, der heiligen Jungfrau, „fleißig zu lernen“, der heiligen Filomena, „das Stillschweigen zu beobachten“, lauter Dinge, von denen ich nachträglich keine Ahnung mehr hatte.

Übrigens pflegten mich meine Heiligen in der Regel schmählich im Stich zu lassen. Und am Ende verdiente ich ja ihre Hilfe gar nicht, wenn ich wirklich so schlecht war, wie Mère Walter behauptete. „In der Kirche eingeschlafen, 6 schlechte Punkte wegen Unaufmerksamkeit in der französischen Stunde und des Ungehorsams am Freitag.“

O dieser Freitag, wie verabscheute ich ihn. Schon beim Eintritt ins Refektorium drang mir der penetrante Geruch von Einbrennsuppe und Stockfisch entgegen. Ich versuchte zu essen, doch schon beim ersten Bissen meinte ich, ersticken zu müssen. Ich zog den Atem an, um den abscheulichen Geschmack weniger zu spüren. „Mir wird schlecht. Darf ich es stehen lassen?“ — „Nein, Du wirst essen.“ Ich nahm die Bissen in den Mund, schluckte sie aber nicht, sondern schob sie in die Wangenhöhlung und behielt sie da bis nach beendigtem Mittagsmale. Dann stahl ich mich in den Garten, drückte das Taschentuch an den Mund und warf es mitsammt dem Stockfisch in die geöffnete Kellerluke.

Hierauf ging es in die Kirche, um den „Kreuzweg“ zu beten. Es war eisig kalt, wir traten uns beim Aufstehen auf die Füße, stießen an den Bankecken an und beteten etwas Lateinisches, das wir auswendig gelernt hatten, ohne den Sinn zu verstehen:

„Sancta Mater, istud agas;