„Es war der erste Impuls und die Reaktion folgte alsbald. An Stelle der leidenschaftlich-wilden Gefühle, trat eine fast unheimliche Ruhe. Ein Schleier riß mitten entzwei, vor meinem geistigen Auge und ich sah zum erstenmale klar in meinem Leben. — — Keine Träumereien mehr, nein, sehr bestimmte Ideen, die sich durch weiteres Ausspinnen und Lesen immer mehr befestigten.
„Und je lichter es in mir wurde, in dem Maße, als ich begriff, wuchsen mein Mitleid, meine Nachsicht mit dieser närrischen Welt; mit diesen armen, verblendeten Menschen.“
Sie hielt inne, dann fuhr sie fort: „Es hatte dieses Impulses — der traurigen Anregung von außer her — bedurft, um mich aus meiner wohlerzogenen Verschlafenheit zu rütteln. So wurde ich das, was ich bis dahin nicht gewesen: „ein freier Mensch.“ Der Schmerz ist so recht eigentlich das Samenkorn, aus dem sich die Individualität entwickelt. Großes leisten fast nur immer Jene, die in physischer Beziehung viel durchgemacht — die Anderen zählen zu den seltenen Ausnahmen. Und es ist ja am Ende auch begreiflich. Wenn man zu den Schoßkindern des Glückes zählt, nach dem Ersehnten die Hand bloß auszustrecken braucht, wozu sich mühen und ereifern? — — Und so, in dem Netze kleinlicher Alltagsinteressen verstrickt, erlahmt der Sinn für eine weite Weltanschauung, und man schreckt ängstlich zurück vor Allem, was Einem aus dem Geleise bringen, die Augen öffnen könnte, man wird Egoist.
Speciell in unseren Kreisen gilt eine gewisse Nonchalance und Sorglosigkeit für „bon ton.“ Sich streng an die Traditionen halten, wenig wissen, — und nur ja nicht denken. Das wäre nämlich zu gefährlich. Seit Generationen hielt man es so — das beweisen die heutigen Durchschnittstypen zur Genüge. Sieh’ Dir nur einmal so einen jungen Majoratsherrn an. Blasiert, verlebt mit 20 Jahren, kennt er keinen anderen Zeitvertreib als Trinken und Spielen. Über die Frauen besitzt er — falls er überhaupt jemals welche besessen, — keine Illusionen mehr. — — — Und nur ja keine vernünftige Beschäftigung — davor schreckt er zurück, als wär’ es eine Schande, und wenn er des ewigen Einerlei satt ist, sucht er das träge Blut künstlich zu erhitzen. Er wettet, beginnt Händel, macht Schulden, die der Papa bis zu einer gewissen Grenze geduldig bezahlt, und dann — nun dann sucht er eben eine „Partie“ um sich zu rangieren, „den Namen nicht in Mißkredit zu bringen“, kurz er verkauft sich.
So die Männer. Wir sind um kein Haar besser daran. Der englischen Gouvernante entwachsen, die Alles „shocking“ findet, was ihr nicht behagt, verheiratet man uns, wenn wir ein gewisses Alter erreicht haben. Die Liebe spielt nur selten eine Rolle dabei: sie ist nur Surrogat, und Hauptsache bleiben doch immer die geordneten Verhältnisse. — — Was sind die Folgen? Allmähliche décadence, Menschen ohne Mark und Kern, die keine andere Bestimmung kennen, als „Gigerl“ oder „Modepuppe.“ Ein Sumpf von ungeahnter Tiefe, in dem wir rettungslos verkommen, wenn wir die Gefahr nicht beizeiten erkennen und uns gewaltsam herausreißen. — Auch ich fand erst in letzter Stunde den Mut dazu. Uns Frauen nimmt man eine Auflehnung gegen das Althergebrachte ganz besonders übel. Es ist ein hartes Stück Arbeit für ein Mädchen, einen gewissen Grad von Selbstständigkeit zu erlangen. Es gehört ein unbeugsamer Wille, eine eiserne Ausdauer und auch ein bischen Philosofie dazu. Wie Manche kehrt schon auf halbem Wege um, da man sie einen „Blaustrumpf“ genannt, oder liebevolle Zweifel an ihrer Vernunft ausgesprochen.
„Was mich anbelangt, so wurde mir’s recht schwer gemacht, aber schließlich brachte ich es doch dahin, daß man meinen Standpunkt respektierte. Der Kampf war die Errungenschaft schon wert. Und ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß ich meine Freiheit nicht mißbrauchte. Die Pflichten, die sie mir auferlegte, hab’ ich keinen Augenblick vergessen. Darum hab’ ich mich auch in die Reihen Jener gestellt, die der Menschheit den Anbruch eines neuen, schönen Tages verkünden. Sie wachrütteln, ihnen die Binde von den Augen reißen, sie unterscheiden lehren, zur Begeisterung entflammen!“
„Ja, Du müßtest ein guter Apostel sein, Tante.“ Wie sie hoch aufgerichtet vor mir stand, mit leuchtenden Augen, durchglüht von edlem Eifer, war sie fast hübsch. Es lag Leben und Ausdruck in diesem Gesicht: keine Spur von dem kalten Gleichmut der Madonna. Doppelt rührend klang es, als sie fast leise sagte: „Ich möchte ja nur, daß Alle, Alle glücklich werden.“
„Das wäre wohl schön — aber ich denke es mir schwer, furchtbar schwer. Wo soll man denn beginnen?“
„Auf fester Grundlage natürlich. Man muß das Übel mit den Wurzeln ausrotten — die Wurzel aber ist: das Vorurteil.“
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