Es gab kaum eine Frage von universeller Bedeutung, die wir in unseren Plauderstunden nicht erörterten. Es war mir ein wahrer Genuß, der Tante zuzuhören, wie sie in kühnen, sicheren Umrissen ein Bild der herrschenden Zustände entwarf, den Kern bloslegte und dann immer weitere Kreise darum zog. Nichts entgieng der Schärfe ihres Blickes und niemals verlor sie sich in Nebensächlichem. Ich lernte immer etwas Neues und mit jedem Tage steigerte sich mein Wunsch, auch ein wenig in ihrem Sinn zu leisten.

„Wie schade, Tante“, sagte ich in ehrlicher Betrübnis, „um die verlorene Zeit meiner Erziehung. Gesetzt den Fall, ich käme um mein Vermögen — besäße ich denn die nötige Bildung, um mir mein Brot selbst zu verdienen? — Ohne Sprachkenntnisse — denn das bischen Französisch, das man uns eingetrichtert, reicht gerade für den Hausbedarf — weiß ich ja auch sonst sehr wenig.“

„Das ist eben die unverantwortliche Art der Erziehung. Und das „Nichtswissen“ ist noch lange nicht das Schlimmste, für viel gefährlicher halte ich das „halbe Wissen.“ Damit richtet man den größten Schaden an. Und dann, wenn man die gewöhnliche Bildung besitzt — als Grundlage ist sie allerdings erforderlich — soll man seine Kräfte nicht zersplittern, sondern sie auf ein einziges Ziel concentrieren und dabei verharren. — Freilich die Männer im Allgemeinen, sehen es nicht gern, wenn wir uns noch ein anderes Feld der Tätigkeit sichern, als den häuslichen Herd. Angeblich leidet unsere Weiblichkeit darunter, in Wirklichkeit aber fürchten sie die Concurrenz, und wohl auch, ihr Prestige als Schützer des schwachen Geschlechts zu verlieren, denn es entstünde ein ganz anderes gegenseitiges Verhältnis, und wir könnten sie viel eher entbehren.“

„Also Du bist für die Emanzipation?“

„Im guten Sinne, ja. Das heißt, soweit sie sich von sinnloser Knechtschaft losmacht und „freie Menschen“ schafft. Auf die damit in Zusammenhang gebrachten Äußerlichkeiten halte ich nichts. Männerkleidung, kurzgeschnittene Haare und burschikoses Auftreten finde ich überflüssig und unschön. „Im Herzen Weib, im Kopfe Mann“, dieses Recept wäre beiden Geschlechtern dringend anzuraten. Das Rechte suchen, es instinktiv empfinden, und dann die Energie besitzen, es durchzuführen.“

„Also wir haben dieselben Fähigkeiten wie der Mann? Aber warum werden dann verhältnismäßig so wenig Frauen berühmt?“

„Ja, wir besitzen dieselben intellektuellen Fähigkeiten wie der Mann, nur mit dem Unterschiede, daß sie bei uns lange Zeit hindurch brach gelegen. Was sie vom „Vogelgehirn“ des Weibes sagen, ist pure Fabel. Weil man uns seit jeher vorgepredigt, dem sei so, glaubten wir es schließlich, ohne daran zu denken, die Richtigkeit dieser These zu erproben. Und schon beim ersten Versuch erwies sie sich als falsch.

„Es bedarf zu Allem der Übung, für manuelle sowohl als für geistige Fertigkeiten. Eine Hand, die man niemals gebraucht, wird eine gewisse Ungelenkigkeit verraten, ein Körper, der nie Gymnastik betrieben, weniger biegsam sein, als der eines Trapezkünstlers. Mit dem Verstand und seinen verschiedenen Kundgebungen ist es genau dasselbe. Wer von Kindheit an die Mühe des Denkens nicht scheut, wird in späteren Jahren ein rascheres Auffassungsvermögen, ein positiveres Urteil, eine schlagendere Logik bekunden, als Jener, der sein Leben lang gedankenfaul gewesen — und was eine natürliche Folge ist — mehr Selbstbewußtsein besitzen.“

„So denke ich mir’s eigentlich auch. Eine Maschine, die nicht geölt und gebraucht wird, arbeitet schwer. — — — — Und heute ist die Gleichberechtigung ein Allgemeinwunsch der Frauen?“

„Die große Mehrheit sehnt sich darnach. Ausnahmen gibt es freilich auch da — und dann bedürfen ja durchaus nicht Alle der Emanzipation, sofern es sich um die Beteiligung am öffentlichen Leben handelt. Eine Mutter hat in erster Linie die heilige Pflicht, tüchtige, nützliche Menschen in ihren Kindern zu erziehen, als Gattin ihren Mann, falls er das Rechte will, zu unterstützen. In diesem Falle soll sie seinen Bestrebungen Verständnis entgegenbringen, gleichen Schritt mit ihm zu halten trachten. Vor solchen Ehen allen Respekt.“