„Und die Einsamen — ich meine die, die aus irgend einem Grunde allein durch’s Leben gehen?“

„Auch die finden reichlich Beschäftigung, wenn sie nur zugreifen wollen. Es gibt so manchen Beruf, in dem weibliche Kräfte nötig wären — Doktoren in erster Linie; Manche freilich würden sich nie und nimmer dazu verstehen, dem Wohle der Gesammtheit die eigene Bequemlichkeit zu opfern. Der Lauheit begegnet man gar häufig — — und dann dürfen wir nicht an den Ausschuß vergessen, jene Armen nämlich, die mit irgend welchen Gebrechen behaftet sind, und deren Kräfte einer angestrengten Arbeit nicht Stand halten, die wirklich nicht können.“

„Nun, und die Vorteile der Selbstständigkeit?“

„Vor Allem, daß wir nicht auf das Heiraten „angewiesen“ sind. Die Ehe wird dann nicht mehr als „Versorgung“ betrachtet werden, sondern sie kehrt zu ihrer ursprünglich schönen Bestimmung zurück, dem Gipfelpunkt der Liebe. Keine Convenienz-Ehen mehr, keine kleinlichen, unwürdigen Intriguen.“

„Eigentlich ist’s merkwürdig, daß man so spät auf diese Idee verfiel.“

„Du hast einfach früher nicht davon gehört. Die ersten Anfänge datieren weit zurück und heute schreitet die Frauenbewegung mit Riesenschritten vorwärts. Mit einem Male geht es natürlich nicht. Große Dinge, weltgeschichtliche Entwickelungsphasen bereiten sich in der Regel langsam vor, aber einmal in Gang gebracht, gibt es keinen Stillstand mehr.

„Im grauen Altertume wurde dem Weibe eingeprägt: „Du hast Dich als Dienerin Deines Herrn zu betrachten“, mußt eifrig auf sein Wohl bedacht sein, seine Launen geduldig ertragen, seine Wünsche erfüllen. Erkühne Dich ja nicht, einen eigenen Willen zu haben, oder gar dem Mann zu folgen, wenn er sich auf Adlerfittigen in geistige Höhen, in die Sphären der Gedankenwelt erhebt. — So, in dieser sklavenhaften Befangenheit, stellen sie auch die Gemälde der damaligen Zeit dar. Mit Rosen bekränzt sie die Stirne des Gebieters, der träge hingestreckt, auf schwellendem Pfühle ruht, und reicht ihm knieend die Schale mit dem Weine. Oder, später noch, sitzt sie am Spinnrocken und webt den Stoff seiner Gewänder, und bringt ihm Schild und Speer, wenn er hinauszieht in die blutige Schlacht.

„Heutzutage steht die Frau auf höherer Stufe — nicht mehr Magd, sondern Gefährtin des Mannes. „Ein Herz und eine Seele“, fügte sie träumerisch hinzu. — — Wem dieses schöne große Glück des Zusammenwirkens versagt bleibt, der findet einen teilweisen Ersatz nur — in der Arbeit. Sie allein hat mich gestützt, mich wieder zufrieden gemacht. Ein dorniger Weg im Beginn, doch so verlockend, so reichlich lohnend. — —

„Wenn man sich resigniert und mit der Liebe abgeschlossen hat, findet man den größten Trost in der Pflichterfüllung. — Das Leben liegt noch vor Dir, mein Kind, und doch frag’ ich Dich: „Willst Du meine Gefährtin sein, mit mir ziehen in den Krieg gegen unseren ärgsten Feind: „das Vorurteil?““

„Ja Tante, ich will.“