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In der Nacht war der erste Reif gefallen. Wie überzuckert starrten die Bäume zum Himmel, der grau in grau, an den Hintergrund eines Gemäldes im beliebten guache-genre erinnerte. Nur ein paar Hagebutten und braungefrorene Chrysantemen standen auf dem Parterre des Gartens.
Das war der Winter.
„Jetzt kann ich’s kaum begreifen, daß einmal der Flieder blühte und die Amsel sang. Es scheint mir eine Ewigkeit her und so unwahrscheinlich, daß diese Zeit je wieder kommen wird. — Die vielen Rosen — und die Leuchtkäfer.“
Ja und doch — die tausend schönen Sommerblumen, die sagen uns weniger als so ein Gräschen unter’m Schnee. „Da sieh, das hab’ ich heut gepflückt.“ Sie hielt mir ein armseliges, blasses Blättchen hin. „Was selten, was schwer zu erlangen ist, darnach strebt unser Sinn. Erst in der Gegenwart wissen wir die Vergangenheit zu schätzen.“
Robert unterbrach unsere Betrachtung. Er weilte infolge einer Verletzung, die er sich beim Reiten zugezogen, seit einigen Wochen in Sahning und sprach während dieser Zeit öfters bei uns vor.
Es war, als suche er neuerdings eine Annäherung, doch ich taxierte seine Gefühle richtig: „ein kleiner Intermezzo-Flirt“, so etwas um die Tage totzuschlagen.
„Zum Sterben langweilig, zu dieser Jahreszeit auf dem Lande“, versicherte er uns stets von Neuem. Man weiß nicht, was man anfangen soll. Mein einziges Vergnügen, die Jagd, ist mir jetzt auch verdorben, weil uns der S—jud die schönsten Streifen vor der Nase weggepachtet hat. „Jetzt schießen’s herum an der Grenz, der Samuel und der Itzig, und wie se sonst noch Alle heißen, die noblen Herren“, parodierte er in höchster Wut. Dann schüttelte er sich: „Brr, ein Graus, ein Skandal! Wenn ich was zu sagen hätt’, Alle peitschert’ ich sie hinaus aus dem Land, Alle; nicht einen einzigen würd’ ich dulden. Es ist schon das zu viel. Über den Haufen schießen sollt’ man das grausliche Gesindel.“
„Das sind ja recht humane Ansichten. Bei uns darfst Du jedenfalls nicht auf Verständnis rechnen.“
„So? Das wundert mich, speciell in diesem Falle. Jeder Cavalier denkt heutzutage so — muß so denken.“