Um 8 Uhr Morgens versammelten wir uns zur Messe in der kleinen Hauskapelle. Wir sangen aus großen grauen Büchern Kirchenlieder und da nur die Wenigsten Gehör und Notenkenntnis besaßen, ging es oft jämmerlich daneben. Eine wahre Katzenmusik.
Meine Aufmerksamkeit galt ganz anderen Dingen, als dem Gebete selbst. Ich bewunderte die heilige Filomena, die, eine lebensgroße Wachspuppe, in einem Glasschrein ruhte. Bald hatte sie ein fliederfarbenes, bald ein rotes goldgesticktes, dann wieder ein weiß und grünes Kleid, da sie über eine sehr zahlreiche Garderobe verfügte. Auf dem blondgelockten Haupte, das etwas zurückgebogen in den Kissen lag, trug sie eine massive Goldkrone, mit echten Rubinen besetzt. Es war die Gabe einer reichen Gräfin, die ihre Genesung der Fürsprache unserer jugendlichen Heiligen verdankte.
Und die vielen duftenden Wachskerzen! Ich zählte sie gewissenhaft ab, schloß dann die Augen halb und gewahrte nur einen bläulichen Schimmer, ganz rund, wie eine kleine Sonnenscheibe; keine deutlichen Flammen mehr, Alles floß ineinander, vermengte sich, nur wunderlich-schillernde Arabesken.
Oder ich vertiefte mich in den Anblick der künstlichen Blumenstöcke. Steife, königliche Lilien wechselten mit purpurnen Malven und dunklen Pensées ab.
Die Schwester-Pförtnerin lieferte diese Kunstwerke. Ich hatte ihr zugesehen, wie sie, ganze Berge bunten Stoffes vor sich, zuschnitt und klebte. Warum sollte es mir nicht auch gelingen? Ich verfertigte eine Rose aus Seidenpapier, fand sie sehr schön und schenkte sie Mama. Tags darauf lag sie mit anderm Kehricht auf der Schaufel. Kinderherzen sind empfindlich. Von nun an behielt ich meine Blumen für mich oder ich schmückte meinen kleinen Zimmeraltar damit. Natürlich nur aus Nachahmungstrieb, denn vorderhand war mir die Frömmigkeit im wahren Sinn des Wortes ein Buch mit sieben Siegeln.
Ich plapperte mein Morgen- und Abendgebet in Papas Gegenwart herunter wie ein Papagei, mit den Gedanken Gott weiß wo. Oft blieb ich mitten drin stecken, wiederholte, oder vergaß auch, für Daisy Clairvinceau, Anna Auerbach und Sektionschef Kalb — verstorbene Freunde der Eltern — die „ewige Ruhe“ zu erflehen. Ein verweisender Blick Papas genügte, um mich vollends aus der Fassung zu bringen; ich stotterte und verhaspelte mich umsomehr.
Damit wir während der Andacht nicht gestört wurden, mußte ich die Thür verriegeln. Mama vergaß bisweilen nach der Stunde zu sehen und drückte vehement die Schnalle nieder. Papa murmelte dann etwas, das einer Verwünschung nicht unähnlich war.
Darauf mußte ich Tag für Tag dieselben Gedichte ableiern. „Der Sperling“, „Kommt die Nacht mit ihren Sternen“ und „Die Uhr“.
„Die Sonne sinkt,
Der Vollmond blinkt,