Der Bauer schließt die Scheune,

Denn auf dem Turme schlägt es Neune“,

und so weiter, alle Stunden des Tages und der Nacht durch.

Dieses endlose Poëm hatte mir den Haß eines alten Herrn eingebracht, der in mir eine gefährliche Concurrentin erblickte. Er sprach für sein Leben gern und verzieh mir niemals, daß er eine halbe Stunde nicht zu Wort gekommen. „Kinder gehören nicht in den Salon“, äußerte er wütend.

Um diese Zeit wünschte ich mir sehnlichst ein Gebetbuch in Leder gebunden, wie das von Gertrud. Nein, wenn ich das hätte! Wie die Blätter rauschten und knisterten — es mußte eine Wonne sein. Ich schüttete Wasser auf mein Büchlein und verklebte die Seiten mit Gummi — jetzt rauschte es auch.

Mit wie wenig gibt sich doch solch’ kleines Ding zufrieden und wie unsinnig ist die Freude am erfüllten Wunsch. Ich hatte mir das Bitten abgewöhnt; ich kannte die abschlägigen Antworten im Voraus. Eine Zeitlang verzichtete ich und dann — der Wahrheit zuliebe sei’s gesagt — dann stahl ich. Einen Monat blieb es unentdeckt, dann brach die Catastrophe los, die mich in Aller Augen zur Diebin stempelte.

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Als ich eines Morgens den Studiensaal betrete, wirft mir Mère Walter einen Blick zu, der mir das Blut in den Adern erstarren macht und sagt mit dröhnender Stimme: „Folge mir.“

Mir ahnt nichts Gutes. Totenblaß tripple ich durch eine lange Zimmerflucht hinter ihr her. Die Knie zittern mir vor Angst und ich meine in den Boden versinken zu müssen vor Scham. „Vorwärts!“ befiehlt meine Führerin.

Jetzt stehen wir stille; sie klopft. „Entrez.“ Ich wünsche mich tot. Die Erkenntnis des begangenen Unrechts, das ich erst jetzt in seiner vollen Größe erfasse, lastet mir mit Centnerschwere auf der Seele. Ich bin halb besinnungslos vor Angst. Einen Moment blitzt mir der Gedanke auf, zu leugnen, doch da liegen sie ja alle aufgestappelt, die corpora delicti — nicht eines etwa, nein ein halber Tisch voll — und grinsen mich verzweifelt überzeugend an. Ach Gott, was war mir da nur eingefallen?